Wer eine Patrone ein paarmal per Hand auffüllt, kann leicht ein paar hundert Mark sparen.
BERLINER ZEITUNG/KARL MITTENZWEI Mischung aus Alchemistenküche, Elektrikerwerkstatt und Künstleratelier: Für alle gängigen Computertypen, die zurzeit auf dem Markt oder noch im Gebrauch sind, gibt es auch die richtige Tinte.
Säuberlich angeordnet stehen die Plastikflaschen auf dem Tisch. Wie in einer alten Apotheke sind sie nach Größe und nach Farbe der Etiketten sortiert. Doch diese Fläschchen enthalten weder Hustensaft noch Baldriantinktur, sondern Tinte: HewlettPackard, Canon, Epson oder Apple steht auf den Etiketten.
Der Arbeitsraum von Hartmut Bayer* sieht aus wie eine Mischung aus Alchemistenküche, Elektrikerwerkstatt und Künstleratelier. Außer den vielen schwarzen Fläschchen gibt es eine Werkbank, einen Arbeitstisch mit elektrischen Messgeräten; Lötkolben, Phasenprüfer, Pinzette, Spritzenkanülen liegen auf den verschiedenen Arbeitsplatten. Auf dem Schreibtisch steht ein Computer - und, was noch wichtiger ist, eine ganze Reihe von Computerdruckern. Nebeneinander stehen sie unter dem Fenster mit Blick auf einen stillen, grünen Schöneberger Hinterhof.
Die Drucker braucht der gelernte Elektroingenieur, um zu testen, was er zusammen mit zwei Bekannten in der kleinen Werkstatt in seiner Wohnung anrührt. Denn Bayer verkauft Tinten für Computerdrucker, die er selbst gemischt hat. Für über hundertfünfzig Modelle, alle gängigen Computertypen, die zurzeit auf dem Markt oder noch im Gebrauch sind, hat er die richtige Tinte. Und die richtige Methode, um diese Tinte in jede gängige Druckerpatrone zu praktizieren.
Für alle Modelle die richtige Tinte
Von denen gibt es eine Menge. Allein der Druckerhersteller Epson bietet über 50 verschiedene Patronentypen in Schwarz und in Farbe an, die sich das Unternehmen gut bezahlen lässt. Zu Preisen ab 40 Mark sind die Tintenkartuschen im Handel zu haben.
"Das geht auch billiger", meint Bayer. Er glaubt, dass die Unternehmen ihre Drucker zum Selbstkostenpreis abgeben, um an den Patronen umso mehr zu verdienen: "Wenn man sich einen Drucker von einer Firma angeschafft hat, ist man dazu verdammt, auch ihre Tintenpatronen zu kaufen."
Oder man wird zum Selbstabfüller von "technischer Tinte", wie die Farbe in der Patrone im Fachjargon heißt. Die kleinste Flasche von Bayers Tinten kostet etwa die Hälfte einer normalen Druckerkartusche und reicht für zwei Nachfüllungen. Wer eine Patrone ein paarmal per Hand auffüllt, kann leicht ein paar hundert Mark sparen.
Bayer ist nur einer von vielen Kleinhändlern, die in Berlin mit Nachfülltinte handeln. Ihre Adressen findet man in Kleinanzeigen, an den schwarzen Brettern von Universitäten oder an einen Laternenmast in der Nachbarschaft geklebt. Für die Hersteller von Druckerpatronen sind diese "Verbrauchsmaterialien", die man nach einmaliger Benutzung wegwirft. Bayer glaubt, dass es nicht nur ökonomischer, sondern auch ökologischer ist, die leeren Kartuschen mehrmals aufzufüllen: "Diese Patronen sind komplizierte Kombinationen aus Kunststoff und Metall. Wenn man sie wegwirft, sind sie Sondermüll."
Wenn ein neuer Patronentyp auf den Markt kommt, besorgt sich Bayer so schnell wie möglich ein Exemplar: "Da gehen wir sofort ran", sagt er, und macht mit der Hand eine Bewegung, als würde er das Patronengehäuse aufknacken. Mit ein paar Freunden nimmt er das Gerät auseinander um herauszufinden, wie es funktioniert und was es für Tinte enthält. An einem besonders hartnäckigen Kandidaten bastelten die Tinten-Hacker einmal drei Tage und drei Nächte nonstop. "Reverse-engineering" nennt man diese Methode der Informationsgewinnung. Anders geht es nicht, denn die Hersteller verraten natürlich nicht, wie ihre Druckerpatronen funktionieren.
Wenn sie das Geheimnis einer Patrone geknackt haben, mischen sie die Tinte, füllen sie in Fläschchen ab, und beginnen mit dem Verkauf. Jedem Kunden zeigt Bayer mit viel Akribie, wie er die Kartusche öffnet, die Tinte einfüllt, und das Ganze wieder verschließt. Informationen zur Funktionsweise der Patrone gibt es gratis dazu, ebenso ein Blatt mit Gebrauchsanweisung und einer Spritze, damit man sich beim Tinteneinfüllen nicht die Finger schmutzig macht.
Die Hersteller von Druckerpatronen sehen solche Aktivitäten natürlich mit wenig Begeisterung. Bettina Steeger, Pressesprecherin von Canon, warnt: "Wir haben keinen Einfluss darauf, wenn sich ein Verbraucher so entscheidet. Aber er muss damit rechnen, dass er im Einzelfall seinen Drucker beschädigen kann." Bayer widerspricht: Alle Tinten sind chemisch analysiert und mehr oder weniger identisch mit den Tinten, die die Hersteller verkaufen. Die Mikroskopien von den Tinten, die er benutzt, um ihre Zusammensetzung zu bestimmen, fand er so ästhetisch, dass er sie gleich auf seiner Website veröffentlicht hat.
Wie Ersatzteile fürs Auto
Noch keiner seiner Kunden hätte sich durch seine Tinten den Drucker kaputtgemacht, behauptet Bayer. Die Druckerhersteller würden versuchen, Leute wie ihn als Produktpiraten hinzustellen. Doch Bayer vergleicht sich lieber mit einer Firma, die Ersatzteile für die Autos von großen Konzernen herstellt. Illegal sei das, was er da tue, nicht. Zu seinen Kunden würden darum auch einige Institute der Freien Universität und verschiedene mittelständische Betriebe gehören.
Andere Hersteller operieren indess mit drastischen Warnungen: Epson hat unter seinen Kundendienstmitarbeitern ein Merkblatt mit Argumenten gegen Nachfülltinten verbreitet, in dem es heißt: "Epson Original-Tinten werden durch aufwändige und Die Tinte als Gefahr für die Gene - Bayer grinst.
Dann nimmt er eine neue Tintenpatrone von Epson aus der Schreibtischschublade, und hält sie hoch: "Damit fangen wirklich schwere Zeiten für uns an", sagt er und deutet auf einen Chip im Deckel der Patrone. "Der regelt angeblich den Tintenfluss. Aber wir glauben, dass er eigentlich verhindern soll, dass man die Patrone noch einmal verwenden kann. Dann kann man wirklich nichts mehr machen."
* Name von der Redaktion geändert