Initiativen, Clubs, „Projekte“

Ein Buch über die Berliner Kulturszene beschreibt die Hauptstadt-Boheme der 90er Jahre

Von Tilman Baumgärtel

Der Titel von Claudia Wahjudis „Metroloops“ klingt modisch, eigentlich ein bißchen zu modisch. Das Buch beschreibt die Innenperspektive der Kulturszene im Berlin der 90er Jahre, und der Titel legt die Befürchtung nahe, daß Wahjudi in ihrem Buch dem Berlin-Hype Futter geben will, der seit zehn Jahren durch die bundesdeutschen Medien geistert und zum Regierungsumzug in den letzten Monaten eine vorläufige Häufigkeit erreicht hat: Berlin, die Stadt von Love Parade, Tacheles, Club Culture, Auguststrasse, Technoclubs in ehemaligen Luftschutzbunkern und so weiter und so fort. Doch um es vorwegzunehmen: in Wahjudis Buch geht es nicht darum, die gegenwärtige Hauptstadt-Euphorie abzumelken.

„Metroloops“ beschreibt die Berliner Kulturszene, die sich in den letzten Jahren entwickelt hat - zwar nicht distanziert, aber auch nicht als Heldengeschichtsschreibung. Auf relativ nüchterne Weise schildert die Autorin, die als Redakteurin der Stadtzeitung „zitty“ einen überdurchschnittlich guten Einblick in die Berliner Szene hat, was sich in den letzten zehn Jahren in der deutschen Hauptstadt an unabhängiger Kultur entwickelt hat: selbstorganisierten Initiativen, Clubs, „Projekte“. Die Protagonisten sind keine Slacker, sondern aktive, ambitionierte, flexible Macher, die entweder unter selbstausbeuterischen Bedingungen arbeiten oder sich ihre kulturellen Traumberufe durch McJobs selbst subventionieren.

Aufgehängt an knapp zwei Dutzend Clubs, Kneipen, Plattenlabels, Galerien, Vereine und Kunstprojekten beschreibt Wahjudi das Innenleben dieser Szene. Manchmal sind ihre Skizzen etwas arg ins journalistische Detail vernarrt. Aber dann schreibt sie wieder Sätze, für die man sie ob ihrer Genauigkeit küssen möchte, wenn es etwa über eine Kneipe in Mitte heißt: „Eine Wendeltreppe führt ins Basement... Auf dem Klo brummt die Lüftung.“ Stimmt genau! Immer liegen die Toiletten im Keller. Und immer brummt dort ein Ventilator!

Die große Qualität von „Metroloops“ sind die minutiösen Schilderungen von Großstadt-Alltag, der ja sonst eine Tendenz hat, sich unbemerkt und ungeschildert zu verflüchtigen. Da die deutschen Gegenwartsschriftsteller derzeit mit wichtigerem beschäftigt sind, als ihre alltägliche Umwelt zu beschreiben, ist es gut, daß das mal jemand getan hat. Wirklich interessant wird „Metroloops“ gerade da, wo die Autorin ganz normalen Boheme-Alltag festhält. Zum Beispiel das Essen: „Spagetti. Nasi Goreng. Lasagne. Risotto. Maultaschen für 1,20 das Stück, dazu Rührei und Salat. Mozarella mit Tomaten. Hühnchen süßsauer vom Imbiß. Die Pizza vom Lieferdienst bläht den Bauch. An Sonntagen brät jemand thailändische Ente in scharfer Kokossoße. Dann geht es wieder von vorn los: Spagetti, Nasi Goreng, Lasagne. Peter ist sich nicht sicher, ob er sich bei sich über das ewig gleiche Essen beschweren oder froh sein soll, daß er überhaupt etwas kocht. Schnell muß es gehen: Pellkartoffeln mit Quark oder ein Stück Fisch. Praktisch sind deshalb Gerichte, deren reichliche Reste sich am nächsten Abend aufwärem lassen. Tags stehen Brot, Butter und Marmelade viele Stunden auf dem Küchentisch.“

So sieht es aus, das Leben im Bohemia der 90er Jahre: schnell, billig, unexzessiv, aber sättigend, vitaminreich und gesund. Egal, ob Wahjudi Dresscode und Trinkgewohnheiten in der Kreuzberger Kneipe „Ankerklause“ beschreibt, die Finanzen einer Zweier-Beziehung vorrechnet, von den Überlegungen von Künstlerinnen zum Thema Kinderkriegen oder von den Berliner Umzugsrituale erzählt, immer gelingen ihr detailgenaue, erlebnisnahe Beschreibungen. Auch daß jemand Neuberliner Vokablen wie die „kulturelle Zwischennutzung“ in ein Buch geschmuggelt hat, ist eine tolle Sache.

Um nicht am Nur-Faktischen kleben zu bleiben, hat die Autorin zwischen die Beschreibungen der Berliner Projekte halbdokumentarische Kapitel über fiktive Personen eingefügt: die ewige Doktorandin, die Nachwuchskünstlerin, der Akademiker am Beginn einer unsicheren Uni-Karriere. Ab und zu erkennt man sich in diesen Figuren wieder, und es ist bestimmt kein Zufall, daß diese halb-belletristischen Teile des Buchs die reportagehaften Kapitel stilistisch weit übertreffen. Mit seinen verdichtenden Milieu-Schilderungen steht „Metroloops“ in einer Tradition nicht-akademischer Berliner Sozialgeschichtsschreibung, die sich mindestens bis zu Hans Ostwalds „Großstadtdokumenten“ zurückverfolgen läßt.

Ein Manko des Buchs ist sein etwas eingeschränkter Kulturbegriff. So fehlt zum Beispiel der „Karneval der Kulturen“, der zweifellos die größte Grasswurzel-Organisation der Stadt ist. Auch die Kultur der Berliner Schwulen und der Migranten ist in „Metroloops“ nicht vertreten, obwohl zum Beispiel der von schwulen Türken betriebene Bubenhupf „Salon Oriental“ im SO 36, die zahlreichen Reggae-Soundsystems der Stadt oder das Kreuzberger Jugendprojekt „Yaam“ wegen ihrer Organisationsprinzipien eigentlich gut in den Kontext des Buches gepaßt hätten.

Claudia Wahjudi: Metroloops - Berliner Kulturentwürfe, Ullstein Metropolis (1999), 186 Seiten, 22 Mark

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