Lasst uns nicht hängen; wir brauchen Euch", schreibt ein enttäuschter Leser. "Ihr habt viele der besten Sachen gemacht, die es je im Netz gegeben hat", ein anderer. "Wir lieben Euch, Jungs. Uns werdet Ihr nie wieder los", hat ein Dritter im Gästebuch von "Feed" vermerkt.
Mit großer Schnelle haben sich in den letzten Tagen die Diskussionsforen von "Feed" und "Suck" gefüllt. Der Grund: Die beiden Web-Magazine, die zu den dienstältesten Internet-Publikationen der Welt gehören, haben ihr Erscheinen eingestellt. Herausgeber Joey Anuff ist es nicht gelungen, die Finanzierung der beiden Web-Magazine sicherzustellen. 19 Angestellte haben bereits die Kündigung bekommen.
Die Redaktion von "Suck" deutet in der Abschiedsbotschaft auf ihrer Website noch einen Grund für das Ende an: schlichte Erschöpfung der Mini-Redaktion, die seit sechs Jahren täglich die Website zu füllen hatte. In den letzten Monaten hatten nur noch die beiden Redakteure Heather Havrilesky und Terry Colon die satirischen Kolumnen geschrieben, für die "Suck" bekannt geworden ist.
Kein Geld für Journalismus
"Suck" und "Feed" gehörten zu der Firma Automatic Media, die auch die Internet-Publikation "Plastic" betreibt. Noch im vergangenen Jahr hatte Automatic Media von den Unternehmen Lycos Inc. und dr Condé-Nast-Tochter Advance Publications vier Millionen Dollar erhalten, um ihre anspruchsvollen Web-Publikationen weiterzubetreiben. Aber als die Geschäftsführung jetzt nach neuen Mitteln suchte, winkten die Investoren ab. In Internet-Angebote wollte niemand mehr investieren - schon gar nicht in solche, die mit Journalismus ihr Geld verdienen sollen. "Suck" und "Feed" sind zu späten Opfern der New-Economy-Pleiten geworden.
Dabei haben sich die Web-Magazine nie der Sünden schuldig gemacht, die andere Internet-Start-ups die Existenz gekostet haben. Sie produzierten ohne übermäßige Kosten oder aufgeblasene Mitarbeiterstäbe, dafür aber mit viel Arbeitseinsatz und Herzblut Publikationen, die nach einer dem Internet angemessenen Form von anspruchsvollem Journalismus suchten. Bei "Suck" waren es die kurzen, säurehaltigen Kolumnen mit den witzigen Illustrationen von Terry Colon, die schnell einen festen Leserkreis fanden. "Feed" trieb als hippere Version des "New Yorkers" die intellektuelle Debatte über Kultur und neue Technologien im Netz voran.
160 000 Leser pro Monat wollten die anspruchsvollen Artikel in "Feed" lesen; "Suck" kam auf 200 000 Leser. Trotzdem hatten beide Publikationen nie das erforderliche Budget, um durch Marketing auf sich aufmerksam zu machen oder sich aggressiv um Werbung zu bemühen. Der Rückgang der Internet-Reklame in den letzten Monaten traf die beiden Webpublikationen schwerer als größere Titel. "Suck", das jahrelang Geld verdiente, bekam plötzlich so gut wie keine Anzeigen mehr.
Für Medienangebote im Internet, die mehr bieten wollen, als Meldungen aus dem Nachrichtenticker, sieht es zunehmend düster aus. Bereits im vergangenen Jahr hat das Internet-Literaturmagazin "Word" aus New York seinen Betrieb einstellen müssen. Das Webmagazin "Salon" hat vor einigen Wochen damit begonnen, seinen Lesern für manche Artikel Geld abzuverlangen. Am Dienstag gaben auch die Internet-Klatschmagazine "DotComScoop" und "Netslaves" bekannt, dass sie in Zukunft gemeinsam publizieren wollen, um Geld zu sparen. Gerüchte besagen, dass sogar Microsoft versuche, sein Internet-Magazin "Slate" loszuwerden.
Bei "Suck" und "Feed" hat man allerdings die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben. In den nächsten Monaten gibt es nun erst mal "Wiederholungen" alter Artikel, während Herausgeber Joey Anuff nach einer "neuen Heimat" für die beiden Magazine sucht. Die Redaktion macht einstweilen Urlaub.