Berlin Viral

Ein Feiertag nur für die Mittelklasse

Im alten China ließen die Mandarine – die Beamten des Kaisers – ihre Fingernägel extra lang wachsen. So signalisierten sie, dass sie nicht mit den Händen arbeiten mussten und etwas besseres waren als das einfache Volk.

Das Äquivalent zu diesen überlangen Fingernägeln ist in Zeiten der Coronakrise das „Home Office“. Wer nichts gelernt hat, muss trotz Ansteckungsgefahr und meist ohne Schutzmaske systemrelevant knuffen: Post zustellen. Müll abholen. Apartmenthäuser mit bodentiefen Fenstern fertig bauen. Im Amazon-Logistikzentrum im Laufschritt die Bestellungen zusammensammeln. Und ist unter Umständen sogar noch froh darüber, dass er Arbeit hat. Als ich den Paketboten neulich, um nett zu sein, frage, ob er nun viel mehr arbeiten müsste, kam die erschütternde Antwort: „Man ist zufrieden.“

Der Rest der Menschheit simuliert mit dem Laptop am Küchentisch produktive Tätigkeit, guckt viel zu oft in die Facebook-Timeline und in ganz tragischen Fällen auch nach dem TikTok-Feed, und beschwert sich bei Twitter über die nervenden Kinder im Wohnzimmer. Das sind die Leute, die normalerweise ihre Tage damit verbringen, unglaublich wichtige Meetings zu organisieren und sich „Projekte“ aus den Fingern zu saugen. Oder tagelang an alles entscheidenden „Präsis“ herumzudoktern, als müssten sie die Weltformel bekannt machen. Oder aber launige Texte wie diesen hier verfassen, die dem Leser erst mit flotter Schreibe „mitnehmen“, ihn aber zuletzt mit einem „Denkanstoß“ wieder „entlassen“.

Während andere Bürodrohnen ohne den gewohnten Trott Schwierigkeiten haben, ihren Tag zu organisieren, hat der freie Autor sich im jahrelangen Kampf gegen den inneren Schweinehund selbst gedrillt, Disziplin zu wahren. Auch mit dem Tablet auf dem Sofa wird nicht „prokrastiniert“, sondern Ergebnisse geliefert. Na ja, man versucht´s zumindest.

Zur Routine des selbständigen Geistesarbeiters gehört es auch, das eigene Reproduktionsvermögen dadurch zu sichern, dass man in Form bleibt – in Quarantänezeiten entweder auf der in der Zimmerecke zusammengerollten Yogamatte oder beim Joggen oder Radfahren.

Draußen auf der Straße findet man sich bei grellem Sonnenschein und gar nicht frühlingshafter Kälte in der Gesellschaft von anderen Unterbeschäftigten wieder. Nach Quarantäne und Lockdown sieht das hier nicht aus, eher nach einem Feiertag nur für die Mittelklasse. Die steht am wieder geöffneten Hipster-Café für einen Pappbecher-Kaffee mit Sicherheitsabstand Schlange. Oder sieht mit einer Flasche Tyskie-Bier in der Hand dem Nachwuchs beim Radfahren auf dem Bürgersteig zu. Aus gebührender Distanz tauscht man sich über die Herausforderungen des Home Office aus. Schnell weg.

Die angesteuerte „Königsheide“ entpuppt sich nach 20 Minuten Radfahrt als ein etwas schäbiges Stück Stadtwald, in dem man überall aus der Ferne Verkehrslärm hört. Faszinierend allerdings die Anlage des ehemaligen DDR-Kinderheims Makarenko, die in eine öde Wohnanlage für Gutbürger verwandelt wurde. Die leben nun in schlichten, grauen Bauten aus den frühen 50er Jahren mit Wandreliefs, auf denen Jungpioniere musizieren, Ball spielen und Fahnen herumtragen. Ein einsmaer Vater, mit zwei Töchtern, die komplett in verschiedenen Rosa-Tönen gekleidet sind und auf ebenfalls rosafarbenen Kinderrädern fahren, vervollständigt den Eindruck der Trostlosigkeit.

Weiter zum Plänterwald, wo sich die Spaziergänger auf den Wanderwegen und am Spreeufer näher kommen als die rumänischen Spargelstecher im brandenburgischen Vier-Bett-Zimmer. Solche Menschenansammlungen gilt es zu vermeiden. Ich folge wenig genutzten Wegen durch den Treptower Park, bis ich plötzlich vor einer Mietskaserne ohne eine Erklärung mitten in der Grünanlage stehe, die ich noch nie gesehen habe und die sich irgendwie hierher verirrt zu haben scheint. Auf dem Heimweg fallen mir die Mandarine mit den langen Fingernägeln als Einstieg für diesen Text ein, und ich bekomme wegen einer Stunde Herumradelns ein schlechtes, linksalternatives Gewissen.

Tilman Baumgärtel