Nicht geschrieben, sondern "editiert" // Sie nennt sich die erste Tageszeitung im Internet. Die deutsche "Netzeitung", die seit Anfang November im Internet zu lesen ist, will das Netz für besonders aktuellen Journalismus nutzten.

Die Artikel werden laut internem Jargon nicht "geschrieben", sondern "fürs Web editiert". Das heißt, dass die Texte mit Links zu anderen Websites versehen und immer wieder überarbeitet werden.

Bei der Schnelligkeit, mit der die Netzeitung Geschichten veröffentlicht, bleiben Fehler nicht aus, die in späteren Versionen korrigiert werden.

Andere Online-Publikationen lassen die einmal ins Netz gestellten Artikel wie sie sind, und berichten über aktuelle Entwicklungen oder Korrekturen in neuen Artikeln.

Netzeitung www. netzeitung. de LAURENCE CHAPERON, ACTION PRESS Zwei Chefredakteure, zwei Korrekturmethoden: Michael Maier von der Netzeitung, Hans-Dieter Degler von Spiegel-Online.

Geschrieben um 10.30 Uhr, ergänzt um 14.50." Ein solcher Hinweis ist am Nachmittag über vielen Artikeln zu finden, die die Netzeitung auf ihrer Website veröffentlicht hat. Doch was sich an dem Text geändert hat, ist nicht gekennzeichnet - obwohl von manchen Originalberichten nach der Überarbeitung nur noch wenig übriggeblieben ist.

Als vor drei Wochen das Debakel um die amerikanischen Wahlen begann, hatten die deutschen Tageszeitungen so früh Redaktionsschluss, dass sie nur melden konnten, beide Kandidaten hätten fast gleich viele Stimmen. Die Netzeitung brachte den ganzen Tag aktuelle Meldungen über das Wahlchaos in Florida. Diese Schnelligkeit gehört zu den Vorteilen des Netz-Journalismus.

Aber die Möglichkeit, aktuell zu berichten und zu berichtigen, kann auch zu verwirrenden Situationen und "neuen Neuigkeiten" führen. In der vergangenen Woche veröffentlichte die Netzeitung einen Beitrag über die angeblich bevorstehende Entlassung von Andrew Gowers, Chefredakteur der "Financial Times Deutschland" (FTD). Das Blatt hatte dies zuvor bereits dementiert. In einem Telefonat mit der Netzeitung, sagte der stellvertretende FTD-Chefredakteur Christoph Keese dann aber den Satz, es gebe "sicher Debatten darüber, wie ein erfolgreicher Chefredakteur wie Gowers weiter Karriere machen kann."

Irreführendes Zitat

Als die Netzeitung dieses Zitat in einem Artikel veröffentlichte, klang das, als würde man sich schon über Gowers Zukunft nach seiner Entlassung Gedanken machen. Keese bat um Änderung, und nach einer halben Stunde war das irreführende Zitat von der Website verschwunden.

Da hatte es allerdings schon der Medienredakteur der "Welt" entdeckt und mit Hinweis auf die Netzeitung in einen eigenen Artikel eingebaut. Als der Text am nächsten Tag erschien, war die Quelle des Zitats freilich schon lange aus dem Internet verschwunden.

"Die Meldungen sollen bei uns so schnell wie möglich raus", sagt Christoph Schultheis, Medienredakteur der Netzeitung. Aktuelle Meldungen werden sofort nach Eingang auf der Website veröffentlicht, und dann durch Recherche vertieft. Danach können manche Neuigkeiten ganz anders aussehen. "Wir haben noch keine Lösung für dieses Problem", sagt Schultheis.

Für viele Journalisten gilt das Netz inzwischen noch vor dem Radio als schnellste Nachrichtenmedium. Während die meisten Fernsehberichte nach der Aufzeichnung geschnitten und über Satellitenverbindungen verschickt werden und die Nachrichten in der Zeitung erst gedruckt werden müssen, können Internet-Berichterstatter direkt vom Ort des Geschehens

Für Michael Maier, früher Chefredakteur der Berliner Zeitung, heute der Netzeitung, liegt es "im Wesen des Internets", Berichte so oft wie möglich zu aktualisieren: "Warum sollen wir die Möglichkeiten nicht nutzen, die uns das Netz bietet?"

Für "unjournalistisch" hält hingegen Florian Rötzer die Korrekturen in Netz-Echtzeit. Der Chefredakteur von "Telepolis", einer der ältesten deutschen Online-Publikationen, verändert an einmal veröffentlichten Artikeln nichts mehr außer offensichtlichen Schreibfehlern. Neue Entwicklungen und Korrekturen werden in weiterführenden Artikeln behandelt.

Errata am Ende

So unterschiedlich wie die Internet-Medien sind auch die Korrekturpraktiken: auf der Website des Heise-Verlags werden überarbeitete Meldungen mit dem Hinweis "Update" versehen; die Neue Züricher Zeitung läßt falsche Meldungen nicht aus dem Netz

Bei "Spiegel-Online" werden Artikel nur noch vorsichtig aktualisiert. Da man als einziges deutschsprachiges Internet-Medium eine eigene Dokumentation hat, die alle Beiträge überprüft, glaubt man sich vor offensichtlichen Falschmeldungen geschützt. "Sollte sich eine Nachricht aber doch als falsch erweisen, machen wir eine neue Geschichte darüber.", sagt Chefredakteur Hans-Dieter Degler.