VON TILMAN BAUMGÄRTEL

Die zittrigen Striche wirken, als sollten sie etwas abbilden, aber was genau soll es nur sein? Herbstlaub auf dem Rasen? Ein Haufen Wäsche? Konturen von Passanten? Man kann einiges in die Schwarzweiß-Zeichnungen hineininterpretieren, die zur Zeit in der DAM-Galerie in Berlin-Mitte zu sehen sind. Aber dann zerfällt das Motiv beim genaueren Hinsehen doch wieder in seine Bestandteile.

Befehle per Lochkarte

Doch abstrakte Zeichnungen sind es auch nicht, die hier zu sehen sind, auch wenn sich die Formen nicht zu konkreten Gegenständen verdichten wollen. Was die etwas krakeligen und etwas an Kinderzeichnungen erinnernden Skizzen zeigen, sind die ersten, tastenden Versuche einer rudimentären Künstlichen Intelligenz, sich kreativ zu betätigen. Auch wenn die Ausstellung als eine Präsentation der Werke von Harold Cohen angekündigt wird: streng genommen stammen die Bilder von dem Programm AARON, an dem der Künstler jahrzehntelang gearbeitet hatte. Sein Traum: ein Computer, der eigenständig zeichnen kann.

Das ist Harold Cohen gelungen: Sein AARON ist nicht nur eins der ersten generativen Malprogramme der Kunstgeschichte und damit ein Vorläufer von heutigen Experimenten mit künstlerischen Werken von Künstlicher Intelligenz, wie zum Beispiel der "Deep Dream Generator" von Google. Cohen hat es auch geschafft, AARON einen eigenen Stil einzuprogrammieren, der im Laufe der Jahre mit der Entwicklung der Technik zwar komplexer und vielfältiger wurde, aber immer eine identifizierbare Handschrift beibehielt - der wiederum an den Malstil seines Schöpfers Harold Cohen erinnerte.

Wie weit Cohen seiner Zeit voraus war, zeigt auch eine Diskussion aus dem vergangenen Jahr. Im Oktober war es dem Auktionshaus Christie's gelungen, ein Werk des französischen Künstlerkollektivs Obvious für 432 500 Dollar zu verkaufen. Das Gemälde, "Portrait of Edmond de Belamy" sein Titel, sei das erste Kunstwerk, das Künstliche Intelligenz alleine geschaffen habe, behauptete das Künstlerkollektiv. Kenner der Szene nahmen das mit Erstaunen zur Kenntnis.

Die Bilder, die zurzeit in Berlin gezeigt werden, sind sozusagen AARON 1.0, der nur schwarze Striche auf weißem Grund hinbekam. Spätere Versionen malten detaillierter und begannen, Motive wie Steine, Pflanzen und Menschen zu variieren. Und so wie bei Picasso auf die Blaue die Rosa Periode folgte, kehrte AARON irgendwann wieder zur Abstraktion zurück.

Harold Cohen, der vor drei Jahren im Alter von 87 Jahren in Kalifornien starb, gehörte zu den Ersten, die an einer Form der automatisierten Kreativität arbeiteten: Sein Programm AARON war nicht nur der erste, computergesteuerte Malroboter. Seine Schöpfung gilt bis heute auch als das Projekt mit Künstlicher Intelligenz, das weltweit am längsten läuft. Cohen war an der Slade School in London zunächst ganz traditionell als Maler ausgebildet worden und begann seine Karriere Anfang der 1950er-Jahre mit Ölgemälden. Computer interessierten ihn erst in den späten 1960er-Jahren.

An der University of California in San Diego wurde er von einem Doktoranden in die Arbeit mit dem CDC-3200-Mainframe der Hochschule eingeführt. (Der Doktorand war übrigens Jef Raskin, der später einer der ersten Angestellten von Apple wurde und dort an der Entwicklung des grafischen Interface des Macintosh-Computers mitarbeitete.) Der Computer musste per Lochkarte mit Befehlen in der Programmiersprache Fortran gefüttert werden. Das wurde Cohen schnell zu kompliziert, und er nutzte bald einen PDP-11, einen sogenannten Minicomputer, der allerdings immer noch so groß wie ein Kühlschrank war, aber per Tastatur bedient werden konnte.

Auf der Documenta zu sehen

1971 war eine erste Version seines Malprogramms fertig, das einfache Zeichnungen produzieren konnte, die mit einem Plotter ausgedruckt wurden. Cohen präsentierte das System und einige seiner Werke im Los Angeles County Museum, und damit begann die fast fünfzigjährige künstlerische Karriere seiner malenden Programme. Im Jahr 1974 programmierte Harold Cohen die erste Version von AARON. Werke dieses Algorithmus' wurden 1977 bei der Documenta und danach in Museen und Ausstellungen weltweit gezeigt.

In Interviews betonte er immer wieder, dass sein Malroboter nur Mittel zum Zweck sei: der Produktion von künstlerisch anspruchsvollen Bildern, nicht etwa ein aufwendiges Programmierprojekt. Die Zeichnungen, die nun bei der ersten Solo-Ausstellung von Harold Cohen und AARON in Berlin zu sehen sind, sind aber auf jeden Fall auch der Beginn der Arbeit an Künstlichen Intelligenzen, die heute Autos steuern und Facebook-Timelines organisieren.

Die Ausstellung "AARON" mit den Werken von Harold Cohen ist bis zum 16. März in der Berliner DAM-Gallerie, Seydelstr. 30, zu sehen.

--- BILDUNTERSCHRIFTEN / ZUSATZANGABEN ---

Bildunterschrift: Der amerikanische Künstler Harold Cohen experimentierte schon in den 1970er-Jahren mit Computerprogrammen, um so Kunst zu produzieren. HAROLD COHEN ESTATE Striche auf weißem Grund: In Berlin werden Werke aus der Anfangszeit gezeigt. H. COHEN