Der Geruch von Ammoniak und Klosteinen
Die Ausstellung „Fenster zum Klo“ im Schwulen Museum
Von Tilman Baumgärtel
Irgendwann Anfang der 90er Jahre wollte ich vom Omnibusbahnhof am Funkturm mit einer Mitfahrgelegenheit nach Düsseldorf fahren. An der U-Bahn-Station Kaiserdamm stieg ich aus und beschloss, vor der Abfahrt noch eine der Toiletten zu benutzen, die es damals noch in vielen U-Bahn-Stationen gab. Bepackt mit einem Rucksack und einer Reisetasche schob ich mich in eine der Toilettenzellen und muss vor lauter Gepäck das Loch übersehen haben, dass jemand in die hölzerne Toilettenwand geklopft hatte.
Wer beschreibt meine Überraschung, als sich – kaum hatte ich die Tür geschlossen – durch das Loch ein langer, erigierter Penis schob. Ich erinnere mich noch genau an das Gefühl des Mitgefühls, das mich angesichts des nackten Geschlechtsteil überfiel, welches mir da so ungeschützt und verletzlich entgegen gestreckt wurde. Ein Schlag, ein Tritt von einem Toilettenbenutzer, der auf dem Klo nicht von den Schwänzen anderer Männer behelligt werden möchte, hätte dem anonymen Träger auf der anderen Seite große Schmerzen zugefügt. Aber offenbar war man sich seiner Sache hier ziemlich sicher.
Einigermaßen verdattert trat ich den Rückzug an. Als ich die Tür der Toilettenzelle öffnete, bot sich mir ein Anblick, den ich ein Vierteljahrhundert später nicht vergessen habe. Eine Truppe, die aussahen wie eine Mischung aus den Village People und den Komparsen eines späten Fassbinder-Films lehnte in einer Reihe an der Wand gegenüber der Waschbecken und sah mich schweigend an. Ich erinnere mich an Schnauzbärte, rasierte Schädel abgeschnittene Jeans- über Lederjacken, verspiegelte Pilotenbrillen, Hosen und Uniformmützen aus schwarzem Kunstleder, Ketten. (Aus irgendeinem Grund sieht diese Szene vor meinem geistigen Auge aus, als habe sie ein Maler der Berliner Realismus-Schule a la Dieter Hecker gemalt.) Innerlich bereitete ich mich auf die erste Vergewaltigung meines Lebens vor. Aber die Männer ließen mich ohne sichtbare Regung passieren und folgten meinen überstürzten Abgang nur mit den Augen.
Ich bin nie wieder in eine solche Situation geraten – die BVG und der Senat begannen Anfang der 90er Jahre, öffentlichen Toiletten zu schließen und durch selbstreinigende „City Toiletten“ zu ersetzen, deren Betrieb sie nichts kostete. Aber so lange es sie gab, bedeuteten die „Klappen“ für viele Schwule „Freiheit zum Abenteuer“, wie eine Ausstellung im Schwulen Museum zeigt.
Der französische Fotograf Marc Martin hat erst in seiner Heimatstadt Paris, dann in Berlin nach dem Relikten einer Zeit gesucht, als öffentliche Toiletten als Anbahnungsorte für zufällige und flüchtige sexuelle Kontakte unter Männern dienten. Er selbst hat seine ersten sexuellen Erfahrungen auf Pariser Aborten gemacht, bevor diese in der französischen Hauptstadt in den 80er Jahren dicht gemacht wurden. Die BVG hat ihm einige der lange geschlossenen Klos aufgemacht, und der Künstler konnte auf der Suche nach dieser verlorenen Zeit mit Modellen die elysäischen Szenen nachstellen, die er dort einst erlebt hat.
In ausführlichen Interviews im Katalog erinnern sich Nutzer der Berliner Klappen daran, wie in einer Zeit, in der Homosexualität strafbar war, in der Halb-Öffentlichkeit der Pissoirs Orgien unter Zufallsbekanntschaften stattfanden, aber auch langjährige Beziehungen ihren Anfang nahmen. So lernt man: Manche Menschen haben ihre beglückendsten sexuellen Erfahrungen mit Fremden in zugigen, öffentlichen Toiletten gemacht – umweht vom Geruch von Ammoniak, Klosteinen und kaltem Rauch und ohne die Privatheit, die den Sex im Schlafzimmer auszeichnet.
„Ich rede davon, als ob es gestern war, dabei ist es fast 40 Jahre her“, erinnert sich ein Interviewpartner an die Türken, die sich von ihm in den 80er Jahren in den unterirdischen Toiletten am Hermannplatz und Mehringdamm Ecke Yorkstraße „bedienen“ ließen, „was mir durchaus gefiel.“ Die Klappen seien für Schwule das gewesen, was Bordelle für Heterosexuelle seien, findet ein anderer Gesprächspartner – allerdings mit dem erfreulichen Unterschied, dass man in der Klappe meist nichts bezahlen musste.
Wieder ein anderer findet, dass in den Klappen ältere Schwule jüngere in die Sexualität einführten. Die Klappe als Ort einer großen, demokratischen Vögelei – das kommt immer wieder in den Schilderungen vor, wenn beschrieben wird, wie sich dort Jung und Alt, Arbeiter im Blaumann und Bürohengst mit Anzug und Ehering kurz sehr nahe kamen. Auch Künstler von Verlaine über Genet zu Frank Ripploh – dessen Film „Taxi zum Klo“ auch eine Ode an eine Toilettenanlage am Großen Stern ist – und Bruce La Bruce haben die Klappe in ihren Werken thematisiert.
Auch wenn man sich von dem geschilderten Treiben auf den Klappen nicht angemacht fühlt, fasziniert doch die Vorstellung, wie sich hier eine geheime Topographie der Verlangens über die Stadt legt, die den meisten ihrer Bewohner unbekannt war – oder nonchalant übersehen wurde. Anders als in Hamburg, wo die Polizei durch Spiegelscheiben im öffentlichen Toiletten Schwule observierte, wurde in Berlin die Klappenszene über Jahrzehnte ignoriert. „Wenn die Polizei die Klappen schließen gewollt hätte, hätte sie das immer tun können“, meint ein regelmäßiger Gast im Interview. Doch lange leisteten sich Großstädte auf der ganzen Welt den Luxus, ambivalente Räume zuzulassen, die von einigen ihrer Bewohner zu ganz anderen Zwecken genutzt wurden als die, für die sie eigentlich gedacht waren. In der zunehmend durchorganisierten, durchleuchteten und videoüberwachten Stadt von heute würden solche Heterotopie schon eher stören.
In Zeitalter von Schwulenehe und Unisex-Toiletten scheinen die Klappen daher auch als ein etwas unappetitliches Relikt aus einer Zeit, als Homosexuelle durch gesellschaftliche Ausgrenzung und Strafverfolgung zu einer Subkultur im Untergrund gemacht wurden. Die Suche nach Partner für schnellen Sex hat sich erst in die Dark Rooms, dann zu Apps wie Grindr und Scruff verlagert. Doch ein Artikel über die Ausstellung in der „Siegessäule“ mahnt: „Klappen boten die Chance, aus unserer eigenen Sex-Bubble auszubrechen, Dating-Apps hingegen sind Echokammern unserer sexuellen Fantasien. Das Dunkle, das Unbekannte, das einen so großen Teil dessen ausmacht, was wir als Erotik bezeichnen, hat in dieser schönen neuen Welt sexueller Abziehbilder keinen Platz mehr.“
Trotzdem bleibt den Nachgeborenen von diesen untergegangenen Jagdgründen nur Fotos und Dokumente wie die in der Ausstellung im Schwulen Museum. Sogar einige historisch abgeranzte Klotüren aus dem U-Bahnhof Breslauer Platz in Friedenau kann man hier bewundern. Die sind mit Schmierereien übersät, auf denen sich „große, gut gebaute“ Männer „mit starker Körperbehaarung“ anbieten, oder mit denen nach Kerlen mit Schweißfüßen gesucht wird. Und für einen kurzen Ausblick scheint es im Museum schwach nach Urin und Flüssigseife zu riechen.
„Fenster zum Klo“ bis zum 25. Februar 2018 im Schwulen Museum Berlin