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Ich kaufe ein GIF!

von Tilman Baumgärtel

Foto von Daniel Hofer

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Gibt es ernsthaft Sammler, die fünfstellige Summen für ein digitales Bild bezahlen? Neuerdings ja. Und das ist erst der Anfang.

Ein Freitagabend im „Institut für Alles Mögliche“ in Berlin-Mitte. Ein Dutzend Besucher sitzt in dem unabhängigen Kunstraum um zwei Beamer herum, steckt Flashdrives in die USB-Ports vor sich. Wie bei einem Überraschungsei ist den Sticks nicht anzusehen, was sich auf ihnen verbirgt — Künstler haben sie aus der ganzen Welt eingeschickt, mit Videos, Animationen, Websites, Texten, Programmen. Die meisten Arbeiten sind keine Meis­terwerke, aber sie bieten einen Abend voller Entdeckungen.

Schnittstellen: Der in Berlin lebende Medien­künstler Aram Bartholl wandelt Inspiration aus dem Netz in Offline-Werke um. Courtesy Dam Gallery

Die USB-Shuffle-Show erinnert an Potlatch-Rituale nordamerikanischer Ureinwohner, bei denen die Gäste versuchen, sich mit immer wertvolleren Geschenken gegen­seitig zu übertreffen. Die Künstler wollen hier kein Geld verdienen, sondern lieber eine genuine Eigenschaft digitaler Kunst feiern: Sie ist unendlich kopierbar. Und kann mit jedem geteilt werden. Gerade diese Eigenschaften machen es digitalen Werken auf dem Kunstmarkt schwer — weil sie den ökonomischen Gesetzen zuwiderlaufen: Die Rekordpreise, die für bildende Kunst in den letzten Jahren erzielt wurden, basieren auf dem Prinzip der Verknappung. Wer als Künstler dagegen mit digitalen Medien oder im Internet arbeitet, kann sich entweder einfach darüber freuen, dass er seine Arbeiten so unkompliziert verbreiten kann. Oder er findet sich im selben Dilemma wie die Musikindustrie: Er arbeitet für ein Publikum, das sich fragt, warum es für etwas zahlen soll, das man sich auch herunterladen kann. Aber mit reiner Logik kann man den Kunstmarkt nicht erklären — und schon gar nicht diese derzeit spürbare Entwicklung, dieses immer stärker steigende Interesse am Digitalen, sogar an GIFs, JPGs oder Websites, die im Netz bleiben. Im Herbst 2013 und Sommer 2014 hielt das Auktionshaus Paddle8 in New York und London die weltweit ers­ten, hochrangig kuratierten Versteigerungen für digitale Kunst ab: 23 Werke waren in London im Angebot, mehr als 83.000 Pfund wurden erlöst. Der Netzkunst-Institution Rhizome ist es sogar gelungen, GIF-Animationen zu verkaufen. Überbewerten sollte man das alles freilich noch nicht. Die meisten Galerien stehen der Kunst, die für das Internet gemacht wird, immer noch eher ratlos gegenüber.

1,2 Millionen Pfund fordert eine Agentur für „Maxamalisms Piece one: Life Inside The Vortex“. Nach Verkauf wird es vom Server gelöscht. Photo by Courtesy of Zhulong Gallery

90.900 Dollar erbrachte 2014 auf Ebay ein durch den (selbst ernannten) Künstler Xhacker02 gerahmter 4chan-Screenshot. Photo by Courtesy of Zhulong Gallery

5800 Dollar setzte Michael Green 2014 (erfolglos) als Ebay-Mindestpreis für sein Jeff- Koons-GIF „Balloon Dog Deflated“ fest.

Photo by Courtesy of Zhulong Gallery

5000 Dollar bezahlte ein Sammler für Alexandra Gorczynskis Website-Kunstwerk „After Dark“ auf der letzten Miami Art Week. Photo by Courtesy of Zhulong Gallery

1300 Dollar bezahlte 2014 auf der Londoner Auktion Paddles On! ein Sammler für das GIF „Waterfall 6“ von Nicolas Sassoon. Photo by Courtesy of Zhulong Gallery

2,98 Euro kostet das billigste Stück auf Kim Asendorfs GIF-Markt. Die Preise berechnet ein Algorithmus: gifmarket.net.

Photo by Courtesy of Zhulong Gallery

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Der Versuch, Websites zu verkaufen, ist fast so alt wie die Netzkunst selbst: Schon 1998 bot die Künstlerin Olia Lialina eine Reihe von Web-Arbeiten von sich selbst und befreundeten Künstlern in einer Online-Galerie an. Für 2000 Dollar pro Stück wurde der Russin aber zunächst nur ein einziges Werk abgenommen. Inzwischen hat sie eine ganze Reihe von Internet-Arbeiten an Sammler und an Museen verkauft. Und bietet nun eine Version ihrer bekannten Hypertext-Erzählung „My Boyfriend Came Back From The War“ für 50.000 Euro an. Auf den ersten Blick wirkt das Digital Art Museum (DAM) in Berlin-Mitte wie eine klassische Kunstgalerie. Große Räume mit weißen Wänden, hohe Decken, ein Stapel Einladungskarten neben der Eingangstür. Doch wenn ein Besucher das DAM betritt, huscht die Assis­tentin erst durch die Räume, stöpselt Stecker in Steckdosen, lässt Rechner hochfahren, knipst Monitore oder an die Wand gedübelte Smartphones an. Seit 2003 bietet der Galerist Wolf Lieser hier ausschließlich digitale Kunst an — bei der Entwicklung eines entsprechenden Marktes hat er Aufbauarbeit geleistet: „Am Anfang habe ich weniger verdient als eine Kassiererin bei Aldi.“ Zunächst fanden vor allem Drucke digital erzeugter Bilder Käufer: Künstler wie Vera Molnár und Manfred Mohr, die bereits in den 50er- und 60er-Jahren mit Plotter-Druckern Zeichnungen anfertigten, haben heute feste Sammler. Codes dagegen sind auf dem Kunstmarkt ein relativ neues Produkt.

Bei seinem gifmarket.net ist der Verkauf Teil der Kunst: Jede verkaufte Animation treibt den Gesamtpreis in die Höhe.

Inzwischen ist etwa die Hälfte der Arbeiten, die Lieser verkauft, rein digital: Software, Quellcodes, Websites. Viele Käufer sind Sammler traditioneller Kunst, auch das Interesse internationaler Kunstinstitu­tionen wächst. Lieser hat schon Werke an das Victoria and Albert Museum in London und ans Centre Pompidou in Paris verkauft. Einer seiner erfolgreichsten Künstler, der Amerikaner Casey Reas, schreibt beispielsweise Programme, die immer neue Bildkompositionen erzeugen. Kostenpunkt: um die 9000 Euro. Käufer erhalten ein Kästchen mit dem Programm auf CD, einen Ausdruck des Quellcodes, signierte Screenshots. Jedes Werk ist ein Unikat. Sollte die Arbeit nicht mehr funktionieren, verspricht Reas, das Programm so umzuschreiben, dass es auch auf neuer Hardware mit aktuellem Betriebssystem läuft. Die Arbeit des deutschen Künstlers Kim Asendorf, ein Programm, das die Pixel digitaler Fotos umsor­tiert, können Käufer auf Anfrage auch mitsamt Monitor erwerben. Wie bei einer Schokoladenskulptur von Dieter Roth, die langsam unter Glas vergammelt, kann man dann zusehen, wie das Bild sich peu à peu in neue Strukturen auflöst. Bei seinem Online-Werk gifmarket.net ist der Verkauf Teil der Kunst: Jede verkaufte Animation treibt den Gesamtpreis in die Höhe. „Ein Galerist hat mir mal gesagt, dass der internationale Kunstmarkt Platz für 100 Freaks hat, die nicht mit Gemälden ihr Geld verdienen“, sagt der holländisch-brasilianische Künstler Rafaël Rozendaal. „Im Augenblick bin ich wohl einer davon.“ Der 34-Jährige, der in New York wohnt, produziert inzwischen auch Wandarbeiten und Skulpturen, lebt also nicht allein von den Einkünften aus dem Verkauf seiner Internetwerke. 6000 Dollar kostet eine der über 100 digitalen Animatio­nen, die Rozendaal in den vergangenen Jahren geschaffen hat. Mit dem Käufer schließt Rozendaal einen Vertrag ab, der diesem Domain und Website überträgt, ihn aber auch verpflichtet, die Arbeit im Internet zugänglich zu halten.

Dass Rozendaal seine Online-Werke inzwischen über eine Galerie verkauft, zeigt, wie sich der Markt zögerlich auch für Netzkunst öffnet. Von dem Hype, den Künstler wie Cory Arcangel oder Ryan Trecartin gerade erfahren, können reine Netzkünstler bisher nur träumen. Die Werke dieser „Post-Internet“-Künstler sind zwar vom Netz in­spiriert, nehmen aber die Form von Bildern oder Skulpturen an. Etwa die Arbeiten des Wahl-Berliners Aram Bartholl, der unter ande­rem Elemente aus Computerspielen im realen Raum nachbaut und als Performance mit Waffen aus „World Of Warcraft“ durch die Stadt läuft. Allerdings ist es dem Kunsthandel bisher ja immer irgendwie gelungen, scheinbar brotlose Kunstrichtungen zu monetarisieren. Bis vor gar nicht so langer Zeit standen Videokünstler vor demselben Problem wie heute die Netzkünstler: Niemand wollte für ihre Bänder Geld ausgeben — heute ist die Schweizerin Pipilotti Rist ein hoch dotierter Superstar. Auch die Performance Art hatte lange kein Geschäftsmodell. Inzwischen ist Marina Abramović die berühmteste Gegenwartskünstlerin der Welt. Bei einem internationalen Kunstmarkt, der mehr denn je ein Spielfeld für Spekulanten ist, werden geschäftstüchtige Galeristen es irgendwann auch schaffen, aus der Kunst, die aus Bits und Bytes besteht, eine Geldquelle zu machen.

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