MEDIA ART FESTIVAL Kunst in der Kirche // Bis zum 28. Mai ist die Medienkunst-Ausstellung in Osnabrück in der Kunsthalle Dominikanerkirche zu sehen.
Eine TV-Dokumentation über die Veranstaltung wird voraussichtlich am 29. Juli auf N3 zu sehen sein.
Infos über das European Media Art Festival und Club-Events: www. emaf. de www. veejay-groove. de BAUMGÄRTEL Der Franzose Pierrick Sorrin zeigt in Osnabrück skurrile Installationen.
Die Maschine sieht aus wie eine Kombination aus Wehrmachtfunkgerät, Grammofon, Computer, Schleifmaschine und einem Dampfradio. Darüber beugt sich ein hagerer Mann mit halblangen Haaren, die ihm ins Gesicht hängen, während er Kabel und Stecker hin und her stöpselt: "Meine Maschine und ich sind heute weit gereist", sagt er dem Publikum, "jetzt muss sie sich erst an die neue
Dass die weit gereiste Maschine ein empfindliches Innenleben besitzt, mag man wohl glauben - immerhin kann sie bewegte Bilder auf Kunststoff-Schallplatte aufnehmen und wieder abspielen. Der Frankfurter Künstler und Filmemacher Norbert Schliewe hat sie aus "zwei genialen Ideen des 19. Jahrhunderts" entwickelt: der Nipkow-Scheibe und dem Fonografen.
"Bilder mit unerklärlicher Aura"
Die Nipkow-Scheibe, ein Vorläufer der heutigen Fernsehtechnik, konnte Bilder in Stromwerte zerlegen, die - in akustische Signale übersetzt - auf einer Grammofonplatte aus Kunststoff gespeichert werden. Die Maschine, die Schliewe gebaut hat, kann mit modernen Solarzellen und hoch empfindlichen Sensoren farbige Bilder an die Wand projizieren. Die wirken zwar wie Videoaufnahmen aus der Steinzeit, doch für Schliewe sind sie "Lichtbilder, die eine unerklärliche Aura besitzen". Mit seiner Wunderkiste will er demnächst ein Jahr durch die Welt reisen und mit Menschen, die er trifft, Filme für seine Schallplattensammlung produzieren.
Schliewes Maschine war gerade beim Osnabrücker European Media Art Festival zu sehen. Aus der ganzen Welt strömt im Mai regelmäßig buntes, digitales Volk in das sonst eher verschlafene Städtchen in Niedersachsen, um dort Medienkunst zu besichtigen. In der gotischen Dominikanerkirche und einem mittelalterlichen Stadtgefängnis, einem feucht-dunklen Turm mit dem schönen Namen "Bürgergehorsam", stehen dann Installationen, die die künstlerischen Möglichkeiten von Video, Computer und Internet
Zusammen mit der ars electronica in Linz, Österreich, und der Transmediale in Berlin gehört Osnabrück zu den wichtigsten Veranstaltungen dieser Art in Europa. Schliewes "Lichtillusionsmaschine" ist nicht die einzige Arbeit, die einen Hauch von Jahrmarkt und Vaudeville aus der Zeit der Jahrhundertwende verbreitet. Gleich eine Reihe von Arbeiten, die noch bis zum 29. Mai im Hauptschiff der Dominikanerkirche zu sehen sind, nutzen modernste Technologie, um Effekte zu erzielen, die an die Frühzeit der Medien erinnern. Bei einem Rundgang durch die Ausstellung scheint es fast, als seien die modernsten Technologien vor allem dazu da, um uralte Medien wiederauferstehen zu lassen.
Stefanie Klekamps Arbeit "Séparée" erinnert mit seinem roten Lederpolster an einen Salon der Jahrhundertwende. Der Betrachter, der sich auf dem roten Kanapee niederlässt, wird allerdings Opfer einer visuellen Attacke, die unzweifelhaft aus dem ausgehenden 20. Jahrhundert stammt. Auf einem Monitor sind verschwommene Bilder einer nackten Frau zu sehen. Dieses ist leider nur ein billiger Kommentar zum Voyeurismus der Massenmedien, der genau das, was er denunzieren will, reproduziert.
Das deutsche Künstlerpaar Wibke Grösch und Frank Metzger schickt sich über zwei Videoprojektoren mit Spiegeln im Sonnenlicht Botschaften hin und her. Der Franzose Pierrick Sorrin hat einen Kofferplattenspieler vor einem halb durchsichtigen Spiegel und einem Videomonitor so platziert, dass es wirkt, als würde das Videobild des pummeligen Franzosen auf einer Single einen strammen Dauerlauf
Technisch auf aktuellem Stand sind dafür die parallel stattfindenden "Veejay-Groove"-Nächte, in denen über das Internet Clubs in Osnabrück, Amsterdam und Wilhelmshaven miteinander verschaltet werden. Die "Veejays" verwandeln die Clubs mit Video-Beamern, und Computer-Animationen in ein "expanded cinema", das alle Sinne anspricht. Das "Veejay-Groove"-Projekt des Festivals geht auch auf Tour: Berliner Clubgänger können sich am 12. Mai im "Maria am Ostbahnhof" VJ-Sets von monitor automatique, Reiner Remake und Dura Lux ansehen. Passend zum musikalischen Schwerpunkt des Festivals war die Retrospektive dem Experimentalfilmer Len Lye (1901-1980) gewidmet. Der Neuseeländer malte direkt auf den Film oder kratzte Animationen ins Zelluloid. Seine schnellen, bunten Kurzfilme aus den 30er- und 40er-Jahren erinnern an Musikvideos und könnten auf MTV gezeigt werden. Lyes Werk zeigt, dass es auch umgekehrt geht. Seine Filme wirken frischer als viele aktuelle Produktionen aus dem Computer.