VON TILMAN BAUMGÄRTEL
Eine struppige Punkfrisur im Gegenlicht. Ein Mund, aus dem beim Singen ein Licht aufscheint. Ein maskenhaftes Gesicht in Nahaufnahme. Auch wenn Laurie Anderson in dem Video zu dem Song "Oh Superman", das sie auf einen Schlag international bekanntmachte, dauernd zu sehen ist, bleibt letztlich der Eindruck einer Kunstfigur. Die multiple Persönlichkeit, die Anderson in ihrer künstlerischen Arbeit darstellte, nahm Selbstinszenierungsstars wie Lady Gaga vorweg. Wer ist diese roboterhafte Performerin, die da 1981 aus dem Nichts kam?
Das schräge Elektronikstück "Oh Superman", das auch heute noch befremdlich klingt und sich jeder Genre-Zuordnung entzieht, stieg in Großbritannien 1982 sogar auf Platz 2 der Charts. Der pulsierende, synthetische Rhythmus des Stücks rief einerseits Erinnerungen an die amerikanische Minimal Music der 60er Jahre auf, ist andererseits aber auch schon Vorbote der pumpenden Sequenzer-Lines von Techno. Die gesampelte und geloopte Stimme im Hintergrund, der von einem Vocoder verzerrte und dehumanisierte Gesang schlagen eine Brücke zwischen dem Schwanengesang des Supercomputers HAL aus Stanley Kubricks "2001 - Odyssee im Weltall" und den zahllosen, technisch simulierten Stars der folgenden Jahre von Max Headroom bis zu Hatsune Miku.
Der Erfolg des Songs kam für Laurie Anderson unerwartet: Nach einem Studium am Mills College in Kalifornien, an dem Avantgarde-Komponisten wie Pauline Oliveros und Terry Riley unterrichteten, und an der Columbia Universität in New York hatte sie sich in den 70er Jahren mit den verschiedensten Jobs im Kreativpräkariat Manhattans durchgeschlagen: Sie schrieb Kunstkritiken, illustrierte Kinderbücher und gab Performances und Konzerte - oft mit einer umgebauten Geige, bei deren Bogen ein Stück Tonband aufgespannt war, mit dem sie einen aufgezeichneten Klang die Tonleiter hinauf- und hinunterspielen konnte.
Im Nachhinein kann man diese Mischung wohl als Vorform des multimedialen Arbeitens verstehen, das Laurie Andersons Kunst bis heute prägt: Sie hat zehn Alben mit Musik und zwei mit Spoken Word Poetry aufgenommen, Skulpturen und Videoarbeiten ausgestellt, fünf Bücher geschrieben und an neun Filmen mitgewirkt. Im Fernsehen moderierte sie die Kunstsendung "Alive Off the Center" und erfand außer der Tonband-Violine noch einen Midi-Controller für Synthesizer und verschiedene Gesangsfilter.
Ein erster Höhepunkt ihrer Mixed-Media-Strategie war der Film "Home of the Brave" von 1986. Er dokumentierte einen Auftritt von Laurie Anderson, der mit zahlreichen Kostümwechseln, aufwendiger Lichtregie, choreographierten Tanznummern und Videoprojektionen mehr Performance Art denn Rockkonzert war und im für Anderson typischen Stil Einflüsse aus der Hoch-, Sub- und Popkultur zu einem vollkommen eigenständigen Werk zusammenbrachten.
Laurie Anderson war eine der ersten Frauen, die in der Jungswelt der Pop- und E-Musik solche aufwendigen Musikspektakel auf die Bühne brachte. Nach 9/11 traten in ihren Arbeiten politische Themen in den Vordergrund, nach dem Tod ihres Mannes Lou Reed entstand der Film "Heart of a Dog", der im 2016 in Deutschland in die Kinos kam, in dem sie den Verlust Reeds und ihrer Mutter künstlerisch verarbeitete.
Dass die quicklebendige Performerin, die in Berlin zuletzt im März bei der Transmediale zu sehen war, nun auch schon 70 wird, ist eigentlich kaum zu glauben.
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Bildunterschrift: PAUL MILLER/DPA Sieben mal zehn Jahre: Laurie Anderson