Materialien zur Geschichte der "Selbstorganisation seit 1969" verspricht der Reader "dagegen - dabei", und das ist ein ganz schön hochgegriffener Selbstanspruch. Wer das Buch an seinem Untertitel misst, wird enttäuscht sein: erstens geht es nicht um Selbstorganisation als solche, sondern nur um die Film-, Kunst-, Literatur- und Musikszene. Zweitens geht es fast ausschließlich um den deutschsprachigen Bereich, wobei die DDR ausgespart bleibt. Drittens beginnt die Geschichtsschreibung, die das Buch betreibt, streng genommen erst Ende der 70er Jahre, und zwar in der "Buch Handlung Welt", einem Hamburger Buchladen, in dem sich zwischen 1976 und 1983 eine Szene zusammengefunden hat, die unter anderem als Ausgangspunkt dessen gesehen werden kann, was später zur Neuen Deutschen Welle und den sie begleitenden Erscheinungen in der bildenden Kunst wurde - eine etwas idiosynkratische, historische Annahme.

Wenn man wollte, könnte man die Geschichte der "Selbstorganisation" in der deutschen Kulturszene in den 70er und 80er Jahren freilich auch von ganz anderen Ausgangspunkten her schreiben, und beispielsweise mit Minus Delta T (die in dem Buch auch am Rand vorkommen) anfangen, oder bei Ton Steine Scherben. Dass heisst nicht, dass der Ausgangspunkt falsch ist, es soll bloß unterstrichen werden, dass es DIE Geschichte der künstlerischen Gegenkultur im späten West-Deutschland nicht gibt, und in der Tat ist das Anliegen des Buches auch weniger die Große Erzählung dieser etwas vagen Szene zu formulieren, sondern Material zusammenzutragen, das zum Verständnis verschiedener künstlerischen Erscheinungen dieser Zeit beitragen kann.

Das ist keine leichte und wahrscheinlich auch keine ausschließlich angenehme Aufgabe gewesen. Viel von dem, was in "dagegen - dabei" dokumentiert wird, ist aus dem kulturhistorischen Gedächtnis verschwunden oder will auch nach zum Teil fast 20 Jahren nicht in einem nostalgischen Glanz erscheinen. Aus heutiger Sicht kommen einem viele der Aktivitäten, die besonders in der ersten Hälfte des Buches beschrieben werden, ein bisschen wie das westdeutsche Pendant zu der östlichen Prenzlauer-Berg-Szene vor. Aus dem Kontext der Zeitgeschichte genommen, fragt man sich auch bei Sachen, die man selbst direkt oder indirekt miterlebt hat, im Nachhinein, was da eigentlich war und was einen - auch den Autor dieses Textes - daran einmal so fasziniert hat.

Dazu gehört zum Beispiel die Neue Deutsche Welle, die bis heute nicht zum Gegenstand von wahlweise manischem Plattensammeln oder von akademischen Untersuchungen geworden ist. Erinnert sich noch jemand an die Platten von Holger Hiller, Palais Schaumburg, den Nachdenklichen Wehrpflichtigen, Wirtschaftswunder, und den ganzen anderen "ZickZack"-Veröffentlichungen? Ich habe sie alle, aber gehört habe ich sie schon seit 15 Jahren nicht mehr, und leider habe ich sie auch noch auf keiner Plattenbörse für astronomische Preise im Angebot gesehen.

Während einige der bildenden Künstler (Kippenberger, Oehlen, Büttner, Mike Hentz) eine Zeitlang im Kunstbetrieb reüssieren konnten, sind die meisten der Schriftsteller (wie etwa Kiev Stingl, Uli Becker, Jörg Burckhardt) in Vergessenheit geraten, obwohl sie Anfang der 80er Jahre eine Zeitlang eine gewisse Szenepublizität genossen. Aber auch die Kunst, die in der Mitte der 80er Jahre unter den Labels "Cross Culture" oder "Transavantgarde" lief und die in "dagegen - dabei" ebenfalls berührt wird, ist nicht zum Teil der Kunstgeschichte geworden - obwohl sie mehr als nur Berührungspunkte hat mit der Kunst, die heute unter dem Oberbegriff "Crossover" in die Runde grüßt.

All das spricht nicht gegen das Buch, dessen Redaktionspolitik auch von seiner Entstehungsgeschichte geprägt ist: "dagegen - dabei" war eine Ausstellungs- und Veranstaltungsreihe im Hamburger Kunstverein, die Kunstprojekte vorstellen wollte, die "nicht das Werk eines Künstlersubjekts in den Mittelpunkt stellt, sondern künstlerische Tätigkeit als Form von Zusammenarbeit im Kontext kultureller Gegebenheit begreift, also auf gesellschaftliche Zusammenhänge verweist", wie es im Vorwort des Buchs heisst. (Dass diese "künstlerischen Tätigkeiten" trotz aller gesellschaftlichen Bezüge eine gewisse Hermetik an sich haben, sei nur am Rande erwähnt.) "dagegen - dabei" dokumentiert auch die Ausstellung, und spannt dadurch einen Bogen von der "Buch Handlung Welt" zu Kunstprojekten und -gruppen der 90er Jahre, wie Minimal Club, Büro Bert, The Thing, Microstudio etc.

So findet man in dem opulenten, schön gestalteten, katalogartigen Buch viel Material zu so unterschiedlichen Themen wie Jungle, New Wave, dem Infermental-Videomagazin, dem Wiener Depot oder Malcolm McLaren. Manchmal fragt man sich, warum man das gerade liest, manchmal hat man den Eindruck, ungeschnittenes Material für einen Dokumentarfilm zu sehen, doch dann ist man plötzlich wieder total in einen Beitrag versunken. "dagegen - dabei" ist ein Schmöker voller interessanten Quellen, mit denen man viel Zeit verbringen kann.

Hans-Christian Dany, Ulrich Dörrie, Bettina Sefkow (Hrsg.): dagegen - dabei - Texte, Gespräche und Dokumente zu Strategien der Selbstorganisation seit 1969, Edition Michael Kellner (Hamburg), 48 Mark, 334 Seiten mit vielen Fotos und Abbildungen