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Ein Interview mit den Surveillance Camera Players

„Sehen Sie das“, sagt Bill Brown und deutet auf ein braunes halbrundes Objekt aus Glas, das an einem Laternenpfahl am Rande des New Yorker Washington Square Parks hängt. Das Ding sieht auf den ersten Blick aus wie eine Lampe, aber wer genauer hinsieht, erkennt eine kleine Kamera, die sich im Inneren der Glaskugel befindet. Rund um dem beliebten Park in Manhattan befinden sich mehrere dieser fast unsichtbaren Überwachungskameras. Polizisten, die in einem kleinen Transporter am Straßenrand sitzen, können mit ihnen den ganzen Park aus dem Mini-Studio in ihrem Wagen überwachen. „Die haben mir gesagt, sie könnten sogar den Text auf dem Zettel lesen, den ich hier in der Hand habe“, sagt Brown, und hält eins der Flugblätter hoch, auf dem alle Überwachungskameras in der Umgebung des Washington Square Park eingetragen sind. Dann drückt er den Zettel einem Passanten in die Hand.

Bill Brown ist der Gründer der Gruppe Surveillance Camera Players (SCP), die seit Mitte der Neunzigerjahre kurze Stücke vor den Überwachungskameras von New York spielen. Ihre erste Aufführung fand im Dezember 1996 in der U-Bahn-Station Union Square statt. Gegeben wurde eine Drei-Minuten-Version von Alfred Jarrys „König Ubu“ – genau 100 Jahre nach der Premiere des klassischen und skandalumwitterten Avantgardestücks. Weil die Überwachungskameras keinen Ton aufzeichnen können („Noch nicht“, betont Bill Brown), werden alle Stücke stumm aufgeführt. Dialoge werden nicht gesprochen, stattdessen wird der Text auf Postern gezeigt. Inzwischen gehören auch Kurzfassung von Werken wie Samuel Becketts „Warten auf Godot“, Edgar Allen Poes „Der Rabe“ oder George Orwells „1984“ zum Repertoire der Surveillance Camera Players.

Auch selbstgeschriebene Stücke werden vor Überwachungskameras auf der Straße, in U-Bahn-Stationen oder am New Yorker Rathaus aufgeführt. „Wir sind nur ein paar Otto Normalverbraucher, die sich vorstellen können, wie langweilig es für die Wachmänner, die ununterbrochen unser Verhalten in der ganzen Stadt beobachten, sein muss, den ganzen Tag die Videobilder auf ihren Monitoren anzusehen“, schreibt die Gruppe in einem Manifest.

Das Publikum der Kurzstücke besteht aus dem Sicherheitspersonal, die die Bilder der Überwachungskameras ansehen, und aus den Passanten, die zufällig an der „Bühne“ der SCP vorbeikommen. Die Aufführungen enden meist damit, dass Wachmänner der „bespielten“ Orten und Institutionen die Gruppe höflich, aber bestimmt bitten, aufzuhören und nach Hause zu gehen. Gelegentlich kommt es dabei auch zu Rempeleien, obwohl Bill Brown Wert darauf legt, dass die Surveillance Camera Players bei ihren Theateraufführungen vollkommen legal und gewaltlos agieren.

Knapp 3000 Überwachungskameras hat die amerikanische Bürgerrechtsinitiative American Civil Liberties Union (ACLU) allein in Manhattan gezählt. Dass man in New York inzwischen praktisch auf Schritt und Tritt von einer Kamera gefilmt wird, hat Bill Brown so aufgebracht, dass er seinen Job als Lehrer an einem College kündigte, um sich ganz dem Kampf gegen die um sich greifende Überwachungskultur widmen zu können. Heute arbeitet er, um Geld zu verdienen, halbtags als Korrektor bei der Werbeagentur McCann; in seiner Freizeit gibt er das anarchistische Fanzine Not bored heraus, und organisiert die Inszenierungen der Surveillance Camera Players.

Auf der Website der Gruppe findet sich neben akribischen Beschreibungen der Aufführungen auch eine Reihe von theoretischen Texten über die Aktivitäten der SCP. Diese bringen ihre Aktionen unter anderem mit dem „Theater der Grausamkeiten“ von Antonin Artaud, dem politischen Straßentheater von Gruppen wie dem Living Theater und Guy Debords Vorstellungen von der „Konstruktion von Situationen“ in Verbindung. In der Tat sind die „Guerilla Programme für Videoüberwachungskameras“ der Surveillance Camera Players situationistische Interventionen reinsten Wassers, die darauf abzielen, die tägliche Routine ihrer zufälligen Zuschauer zu unterbrechen.

Das Internet benutzen SCP vor allem, um Informationen über ihre Aktivitäten zu verbreiten. In dem sie sich mit Überwachungskameras beschäftigen und diese Technologie gegen ihre eigentliche Nutzungslogik wenden, arbeiten die Surveillance Camera Players aber auch mit einem Kommunikationsnetzwerk. Obwohl sie sich selbst nicht – oder nicht in erster Linie – als Künstler oder gar als Netzkünstler betrachten, zeigt ihre Arbeit – ähnlich wie die Videoinstallationen von Julia Scher – Parallelen zu den Themen und Ideen vieler Künstler, die mit dem Internet arbeiten.

?: Was machen die Surveillance Camera Players?

Bill Brown: Wir führen Theaterstücke vor Überwachungskameras auf. Das sieht so aus, dass wir große, handgemalte Schilder mit den Dialogen hochhalten, und dazu Pantomime aufführen. Die Überwachungskameras zeichnen nämlich keinen Ton auf. Wir haben sechs Stücke im Repertoire. Einige von ihnen sind für die Aufführung an bestimmten Orten geschrieben worden, zum Beispiel in Kirchen, die Überwachungskameras haben.

?: Nach welchen Kriterien wählt ihr die Stücke aus? Einige erscheinen wie eine logische Wahl, wie etwa "1984", aber warum spielt ihr zum Beispiel "Warten auf Godot"?

Brown: Wir haben "Godot" als eine Art Witz über das Stück selbst ausgewählt, weil es in ihm natürlich nur Worte und keine Handlung gibt. Überwachungskameras nehmen keinen Ton auf, darum muss jede Aufführung von „Godot“ ohne Ton sein. Wir spielen diese Witz-Stücke aber nicht mehr. Seit November 1998 führen wir nur noch Stücke auf, die wir selbst geschrieben haben und in denen es um die Themen Überwachung und Datenschutz geht.

?: Wie viele Leute machen bei den Surveillance Camera Players mit, und was machen diese Leute sonst? Sind auch professionelle Theaterleute dabei?

Brown: Es sind immer um die sechs Leute in der Gruppe, die sehr informell und sehr lose organisiert ist. Insgesamt haben etwa 40 Leute bei uns mitgespielt, seit wir uns im November 1996 gegründet haben. Theaterprofis sind nicht dabei, waren es auch nie. Die meisten Mitglieder sind Politaktivisten, die auch bei anderen Gruppen mitmachen. Wir sind alle Anarchisten.

?: Was habt ihr gegen Überwachungskameras? Die sollen ja eigentlich den öffentlichen Raum sicher machen...

Brown: Der Einsatz von Überwachungskameras durch die Polizei ist eine klare Verletzung des vierten Artikels der amerikanischen Verfassung. Das hat der Supreme Court 1967 durch eine Entscheidung bestätigt.

?: Trotzdem haben sie sich in den letzten Jahren durchgesetzt, und gleichzeitig ist die Kriminalitätsrate in New York gesunken...

Brown: Das Verbrechen in New York ist zurückgegangen, weil der Bürgermeister jede Menge arme Leute festnehmen ließ. Die Stadt und die Polizei wollen mit den Kameras politischen Protest überwachen. Zum Beispiel im Bereich um die St. Patrick's Cathedral: Da gibt es zwar so gut wie keine Verbrechen, aber viele Demonstrationen gegen die Politik der katholischen Kirche. Darum hängen da jede Menge hochmoderner, digitaler Überwachungskameras.

?: Ihr sagt, eure "Zielgruppe" ist der Mensch, der vor dem Überwachungsmonitor sitzt. Warum der ganze Aufwand für eine einzige Person?

Brown: Unsere wirkliche Zielgruppe sind die Leute, die uns auf der Straße zusehen, weil sie zufällig gerade vorbeikommen. In New York sind das meist ziemlich viele Menschen, weil wir in sehr belebten Gegenden auftreten. Es war ein Witz, als wir gesagt haben, dass wir unsere Stücke für die gelangweilten Aufpasser und Bullen spielen. Fuck them!

?: Vor diesen Kameras aufzutreten hat trotzdem etwas Absurdes, aber das ist wohl beabsichtigt...

Brown: Klar. Wir finden die ganze Logik dieser Überwachung absurd: Die Kameras machen die Leute paranoid, weil sie sich rational verhalten und keine Verbrechen begehen sollen. Aber paranoide Leute sind nicht rational.

?: Welchen Effekt erwartet ihr von diesen Aufführungen?

Brown: Erstens wollen wir die alltägliche Routine der Leute unterbrechen und ihnen zeigen, dass es keinen Grund gibt, sich von diesen Kameras einschüchtern zu lassen. Außerdem wollen wir zeigen, dass nicht alle Proteste laut und langweilig sind, sondern dass man das auch mit Humor tun kann und dass auch Einzelne und kleine Gruppen viel erreichen können.

?: Diese Strategie der "Unterbrechung" des Alltagslebens wird heute auch von anderen angewendet. Es ist zum Beispiel eine Marketingstrategie geworden und ganze Einkaufszentren werden so gebaut, dass die Besucher aus ihrer Alltags-Trance gerissen werden. Warum glaubt ihr, dass eure Methode funktioniert? Und denkt ihr wirklich, dass eure handgemalten Poster wirklich wahrgenommen werden, obwohl sie sich zwischen perfektem Werbedesign im öffentlichen Raum und gegen „Schock“- oder „Guerilla-Marketing“ behaupten müssen?

Brown: Marketing – auch scheinbar “radikale” Werbung – soll die Leute ja gerade in ihrer Trance halten, statt sie aufzuwecken. Die Werbung gehört zu genau den Dingen, die zu dieser Alltags-Trance führen, und die wollen wir durchbrechen. Und was den Gegensatz zwischen den Werbern und uns betrifft: Wir sehen unprofessionell, sogar absurd aus, oder? Gut!

?: Wie reagiert das Publikum auf eure Auftritte?

Brown: Die Überwacher finden es oft lustig, bis wir ein Plakat zeigen, auf dem steht: "Kümmert euch um euren eigenen Kram!" Der Rest des Publikums ist meist auf unserer Seite – wenigstens wenn es darum geht, dass auf die Kameras hingewiesen werden muss. Nur wenige erzählen uns den Quatsch von der Verbrechensbekämpfung.

?: Ihr veranstaltet auch Führungen durch New York. Was macht ihr da?

Brown: Wir zeigen anderen Leuten, was wir tun: Überwachungskameras erkennen, die sich oft in Straßenlaternen oder Ornamenten an Gebäuden verbergen. Außerdem sorgen wir dafür, dass unsere Straßenkarten verteilt werden, auf denen man Kamerapositionen sehen kann. Das spielt übrigens auch bei unseren Performances eine große Rolle: diese Karten in Umlauf zu bringen. Es ist zwar gut, wenn man von diesen Überwachungskameras weiß, aber es ist noch viel besser, wenn man diese Kameras auch selbst erkennen kann. Denn erst dann sieht man, wie viele es wirklich gibt.

?: Ist eure Arbeit von den Theorien der Situationisten beeinflusst worden?

Brown: Ja, sogar sehr stark. Was wir machen ist ein „Détournement“ des Spektakels der Überwachungskamera. Wir machen sie nicht kaputt, wie es militante Anarchisten tun würden. Wir schreiben auch nicht an unseren Kongressabgeordneten, wie es gute Linke tun würden. Wir benutzen die Kameras zu anderen Zwecken als denen, für die sie gedacht waren. Ich bin mir allerdings sicher, dass die Situationistische Internationale Einwände dagegen gehabt hätte, wie stark wir mit den Massenmedien zusammenarbeiten.

?: Danach wollte ich gerade fragen: Wenn ihr das Spektakel – wie die Situationisten die Massenmedien genannt haben – ablehnt, warum beteiligt ihr euch dann daran – zum Beispiel, indem ihr Fernsehinterviews gebt?

Brown: Wir füttern das Spektakel mit Gift, das wie Vogelfutter aussieht.

?: Seht ihr euch in der Tradition des politischen Straßentheaters der Siebzigerjahre?

Brown: Ja. Wir sind große Fans des Living Theatre.

?: Gruppen wie das Living Theatre gibt es kaum noch, und ein Grund dafür könnte sein, dass sich unsere Wahrnehmung des öffentlichen Raums geändert hat. Vielleicht finden der wahre soziale Diskurs und das wirkliche öffentliche Leben nicht mehr auf der Straße statt, sondern in den Medien. Daher könnte man argumentieren, dass diese Art des Straßentheaters nicht mehr „die Öffentlichkeit“ erreicht oder nur noch einen kleinen Prozentsatz.

Brown: Aber das Living Theatre gibt es noch, und es ist immer noch sehr lebendig! Sie treten sowohl in traditionellen Theatern wie auch in der Öffentlichkeit auf. Was deine Kommentare über “die Medien” betrifft, mag das für manche Leute wahr sein – nämlich für die mit Geld, Macht und Zugang zu den Medien. Denen mag der öffentliche Raum in der Tat unnötig oder unerfreulich und gruselig vorkommen. Aber es gibt einige Leute, für die die Straße und der öffentliche Raum buchstäblich alles sind – die Obdachlosen natürlich, aber auch andere.

?: Welche Rolle spielt das Internet bei dem, was ihr tut?

Brown: Es erlaubt uns, in Kontakt mit Gleichgesinnten in der ganzen Welt zu treten. Dadurch werden auch Leute auf uns aufmerksam, die Englisch nicht als Muttersprache sprechen. Über uns wurde schon in Spanisch, Portugiesisch, Französisch, Holländisch und Deutsch berichtet.

?: Indem ihr das Internet in eure Arbeit einbezieht, erreicht ihr viel mehr Interessenten als wenn ihr “nur” auf der Straße Theater spielen würdet. Dadurch unterscheidet ihr euch vom traditionellen politischen Straßentheater...

Brown: Das stimmt. SCP sind eine wesentlich "modernere" Theatergruppe als das Living Theatre, die das Internet nicht oder kaum nutzen. Wir arbeiten mit dem Internet so viel wie wir können, um unsere Arbeit so effektiv wie möglich zu präsentieren. Allerdings wäre unsere Gruppe zwar unbekannter, wenn es das Internet nicht gäbe. Aber die Surveillance Camera Players könnten immer noch existieren und etwas ausrichten, wenn das Internet morgen komplett abstürzen würde.

Darum ist unsere Website auch relativ rudimentär und sehr einfach gestaltet. Es ist einfach ein Weg, um unsere Ideen sehr breit zu streuen. Und wir brauchen keinen Newsletter oder ein Buch, um unsere Arbeit vorzustellen.

?: Könntet ihr euch vorstellen, wie eure Praxis auf die Massenmedien oder das Internet angewendet werden könnte?

Brown: Die Strategie des "Détournement" kann man auf jeden Fall auf die Massenmedien anwenden. Die Situationisten selbst haben Comics, Gemälde, Filme und andere Medien “umgewidmet”. Wir selbst treten oft vor Webcams auf, die wir als eine Art Fern-Überwachung betrachten. Das sind digitale Kameras im Gegensatz zu vielen der „richtigen“ Überwachungskameras, die zum Teil noch analog sind. Wir wollen darauf aufmerksam machen, wie leicht man Webcams mit Software zur Gesichtserkennung verbinden kann.

Das Internet ist eine riesige Überwachungsmaschinerie, aber diese Überwachung kann man bis zu einem gewissen Grad auch umdrehen. Wenn das amerikanische Militär mir hinterher spioniert, kann ich das Internet auch dazu benutzen, um diese Art der Spionage aufzudecken und anzuklagen.

Surveillance Camera Players im Internet http://www.notbored.org/the-scp.html

Dieses Interview erscheint in dem Buch „Net.art 2.0“ von Tilman Baumgärtel, ein Buch über Kunst im Internet und anderen Kommunikationsnetzwerken, das im Herbst 2001 im Verlag für moderne Kunst, Nürnberg herauskommen wird.

Der Einsatz von Überwachungskameras durch die Polizei ist eine klare Verletzung des vierten Artikels der amerikanischen Verfassung.

Es war ein Witz, als wir gesagt haben, dass wir unsere Stücke für die gelangweilten Aufpasser und Bullen spielen. Fuck them!

Wir sehen unprofessionell, sogar absurd aus, oder? Gut!

Wir selbst treten oft vor Webcams auf, die wir als Fern-Überwachung betrachten.

Das Internet ist eine riesige Überwachungsmaschinerie, aber diese Überwachung kann man bis zu einem gewissen Grad auch umdrehen.