ART+COM Namhafte Kunden // art+com: 40 Mitarbeiter, 6 Millionen Mark Umsatz im Jahr Kunden u. a. Mercedes Benz, Deutsche Telekom, Expo Hannover, Radio Fritz, Deutsche Welle Informationen zu weiteren Projekten unter: www. artcom. de/projects/ expo/welcome. de

Die Kabel, die neben der Glastür an der Wand hinaufwachsen, haben den Umfang eines mittleren Baumstamms. Mit Draht zusammengehalten liegen sie im Kabelschacht und verbinden die Computer des Büros mit dem Maschinenpark, der hier, sicher vor Staub und Zigarettenrauch, leise vor sich hin summt. Der Computerraum ist das Herz der Berliner Multimedia-Agentur art+com.

Auf den Festplatten dieser kühlschrankgroßen Kisten liegt die Welt. Und das ist wörtlich gemeint: "Terravision", das Projekt, das art+com zurzeit für die Weltausstellung Expo in Hannover vorbereitet, ist eine maßstabgetreue Simulation des gesamten Globus. In dem digitalen 3 D-Modell können sich die Besucher der Weltausstellung nicht nur durch ein virtuelles Messegelände bewegen, sondern gleich um die ganze Welt. "Terravision ist eine neue Art, Wissen zu organisieren", erklärt Joachim Sauter, der Art Director der Agentur. Wer zum Beispiel etwas über Berlin erfahren will, manövriert sich zu der digitalen Version der Stadt und klickt auf das Objekt, über das er mehr wissen will.

Flug an die Wall Street

Im "Global House" an der Expo-Plaza ist ein weiterer Beitrag von art+com zu besichtigen: Mit "Ride the Byte" kann man die Expo-Beiträge ansehen, die sich nicht in Hannover befinden. Denn 280 Projekte befinden sich in ganz Deutschland verteilt, 480 rund um die Welt. Wer einen Standort ausgewählt hat, wird von einem digitalen Bild des Expo-Geländes wie ein Datenpaket im Internet zu dem gewählten Ort transportiert. Wie "Terravision" basiert auch "Ride the Byte" auf einer dreidimensionalen Simulation des Erdballs. "Im Grunde ist Terravison eine Art Browser, mit dem man sich räumlich und visuell durch die Informationen bewegen kann", sagt Sauter, während er einen kleinen Globus hin und her dreht. Auf der Leinwand im Präsentationszimmer rotiert der digitale Erdball, und man hört förmlich die Daten, aus denen die dreidimensionale Simulation besteht, durch die kleinen, grünen Kabel vom Zentralrechner in den lokalen Computer rauschen. Gerade ist auf der Leinwand Manhattan zu sehen.

Zum Börsengang der Telekom hatte art+com einen simulierten Flug von Frankfurt/Main nach New York an eine Hauswand in der Wall Street projiziert, um die Ankunft der deutschen Aktie am amerikanischen "Stock Exchange" anzukündigen. Das sieht aus wie die Simulation im Wetterbericht der "Tagesthemen" - nur dass hier die Bilder in fast fotografischer Genauigkeit zu sehen sind und wirken, als seien sie aus einem Hubschrauber aufgenommen.

Und dann macht Sauter plötzlich etwas Merkwürdiges: er dreht mit seiner Navigationskugel ab, hält direkt auf einen der Wolkenkratzer zu. Wir fliegen auf eine graue Wand zu, dann durch sie hindurch, und auf der ganzen Leinwand sind für einige Sekunden statt fotorealistischer, dreidimensionaler Bilder nur noch abstrakte Pixel-Landschaften zu sehen. "Bums", sagt Sauter und grinst.

Gegründet wurde die Agentur art+com 1988 von einer Gruppe von Architekten und Designern, die gemeinsam an der Hochschule der Künste studiert hatten - zunächst nicht als Unternehmen, sondern als Verein, der sich mit der Auswirkung der damals neuen Sauter, der selbst an der Berliner Filmhochschule studiert hatte, wollte an der "Entwicklung des Computers als Medium" mitwirken: "Die Sprache des Kinos steht heute weitgehend fest, aber bei den digitalen Medien kann man noch an eigenen

Ein Auftrag der Telekom brachte das Startkapital für art+com, die sich von Anfang an auf dreidimensionale Computeranwendungen spezialisierten. Im Auftrag des Senats simulierten sie die neue Berliner Mitte komplett mit wiederaufgebautem Stadtschloss und fertig gestelltem Potsdamer Platz. Für DaimlerChrysler entwickelten sie ein Programm, das neue Autos bis in die kleinsten, dreidimensionalen Details simulieren kann.

"Uns interessiert vor allem", sagt Sauter, der Professor an der Berliner Hochschule der Künste ist, "wie man Information in den virtuellen Raum transformieren kann." Dabei stehen innovative Anwendungen im Mittelpunkt, nicht markttaugliche Endergebnisse. "Wir entwickeln diese Ideen nur", sagt Sauter. "Wenn man daraus ein Geschäft machen kann, überlassen wir das bisher anderen. Wir arbeiten an der Sprache der digitalen Medien, und in einer Sprache kann man sowohl Gedichte wie auch Gebrauchsanweisungen schreiben."

Die Arbeiten von art+com sind daher nicht nur im Auftrag von großen Unternehmen entstanden, sondern auch bei Konferenzen und Medienkunstausstellungen wie der "ars electronica" gezeigt worden. Bis heute hat sich art+com von jenen Aufgaben fern gehalten, mit denen die meisten Multimedia-Agenturen ihr Geld verdienen: dem Bauen von Websites oder der Programmierung von CD-ROMs für den Massenmarkt. Das Unternehmen, das sich selbst als "Virtual Reality Solution Provider" bezeichnet, hat immer finanzkräftige Großunternehmen gefunden, die Grundlagenforschung im Multimediabereich bezahlen wollten.

Schön machen für die Börse

Inzwischen ist das Unternehmen als AG organisiert, und damit beschäftigt, sich "für die Börse schön zu machen", wie Sauter sagt. Der Börsengang ist für das Jahr 2001 geplant. Trotz des eigensinnigen Geschäftsprinzips hat sich art+com zu einem Unternehmen mit 40 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von fünf bis sechs Millionen entwickelt, das heute in einem Bürohaus mit elegantem Foyer und einem mit Samt ausgeschlagenen

Oben, im Dachgeschoss, steht Sauter in seinem Büro am Fenster und hat eine Ausblick, der sowohl das alten Zentrum West-Berlins um den Bahnhof Zoo wie den Potsdamer Platz einschließt. "Da ist die Stagnation, dort der Aufbruch", und deutet erst nach Westen, dann nach Osten. Seine Agentur befinden sich dazwischen, genau in der Mitte.