Hain der Harmlosigkeit
Von Tilman Baumgärtel
Im WMF, einem Club in Berlin-Mitte an einem Wochentag: Der verrauchte Raum ist gegen Mitternacht gut gefüllt mit Club-Gängern Mitte, Ende 20. Die Musik ist laut, die Fernseher unter der Decke zeigen weißes Rauschen. Das Bier gibt es nur in Flaschen, die 6 Mark kosten. Die Inneneinrichtung ist angeblich aus dem Palast der Republik. Das ist so üblich an Orten wie diesem.
Der 50jährige Mann mit dem Trenchcoat und grauen Langhaaren, der gerade reingekommen ist, gehört hier nicht so richtig hin. Er geht zur Tanzfläche, auf der noch niemand tanzt, geht mit dem Blick eines Ethnologen langsam durch den Raum. Bleibt kurz an der Theke stehen. Geht langsam zur Tür. Als der Türsteher die schrabbelige Schwingtür für ihn aufmacht, steht ein stadtbekannter Kölner Galerist samt Entourage draußen. Immer herein, wenn's kein Schneider ist...
So gesehen am Abend nach der Eröffnung der "ars viva" im Hamburger Bahnhof, dem Berliner Museum für Gegenwartskunst. "ars viva" ist eine Medienkunstausstellung, die der Kulturkreis der deutschen Wirtschaft des BDI ausgewählt hat, und die jetzt durch diverse westdeutsche Museen weitergereicht wird. Erst Stuttgart, dann Mönchengladbach, jetzt Berlin, wo fast alle Künstler herkommen, die bei der "ars viva" dabei sind. Nächste Station ist Kiel.
"Medienkunst könnte sich im Rückblick als `die` Kunstform der Jahrhundertwende erweisen", hat der Kulturkreis des BDI herausgefunden. Nicht nur beim BDI, sondern auch sonst hat Medienkunst hierzulande zur Zeit Konjunktur. Nicht daß jemand so genau wüßte, was Medienkunst wäre - sind Ölfarbe und Bleistift nicht auch Medien? Aber in Karlsruhe hat das Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM ) eröffnet, wo Medienkunst gleich High-Tech und keine Installation weniger als ein Gigabyte schwer ist. Da wird ja wohl irgendwas dran sein.
Solche Szenen wie die oben beschriebene haben sich in der letzten Zeit im deutschen Kunstgeschehen immer wieder abgespielt. Denn wie die Medienkunst gilt auch "Clubkultur" bei vielen Kunstbetreibsteilnehmern als das nächste große Ding in der Gegenwartskunst, das stand schließlich neulich schon im "Kunstforum". Es verblüfft, wie leicht der Kunstbetrieb dieses Erbe der Techno-Periode integriert hat.
Seit bei der Biennale in Venedig vor drei Jahre der "Club Berlin" seien Tore öffnete, ist "Clubkultur" salonfähig geworden. In ganz Deutschland wurden in den letzten Jahren Museen vorübergehend zu Tanzdielen, Ausstellungseröffnungen zu Raves und selbst das ehrwürdige, 80jährige Gebäude der Berliner Volksbühne verwandelte sich im vergangenen Jahr vorübergehend in eine Disco auf allen Etagen. Für die meisten Institutionen war das eine Frischzellenkur, für die beteiligten Clubkultur-Protagonisten ein erstes Auftauchen in der offiziellen Kunstszene.
Aber die "BDI-Lounge" anläßlich der Eröffnung der "ars viva" hatten viele Berliner Clubber und Nachwuchskünstler für einen Witz gehalten: Daniel Pflumm, einer der Teilnehmer der "ars viva"-Ausstellung, ist bekannt dafür, daß er in seinen Videos den Logos bekannter Großunternehmen neues Leben einhaucht. Seine Videoloops liefen im "Panasonic", einem inzwischen geschlossenen Club, der sich in einem dieser typischen Abbruch-Häuser in Berlin-Mitte befand, als visueller Muzak. Da sahen sie toll aus. Und dann ist plötzlich Zentrum einer Veranstaltung, die BDI-Lounge heißt. Das muß doch ein besonders ausgekochter Joke sein...
Aber das hier war echt, kein Scherz: während der "BDI-Lounge" tröpfelten ganzen Abend über Leute in den Club, die vielleicht nicht unbedingt BDI-Mitglieder waren, aber auch in keinen Club a la Berlin-Mitte gehören: Mitt-Fünfziger, die normalerweise in keine Disse mehr gehen würden, aber weil das hier zum Kunstumfeld gehöre, doch mal einen Blick in eine ihnen fremde Welt wagen. Schließlich kommt ein Medienkünstler, Daniel Pflumm, aus dieser Szene.
Unter dem Blick der Kunstkritiker wird die Berliner Club-Szene, die im WMF, einem altgedienten Schlachtroß der Berliner Clubszene, zu beobachten war, zu einem Stück Untergrund-Folklore. Und wahrscheinlich ist sie das auch schon. Die Club-/Techno-/Rave-Kultur, die sich in Berlin nach dem Fall der Mauer entwickelt hat, hat ihre aufregendste Zeit hinter sich. Die Clubs sind leer, zu den Raves kommen immer weniger Tanzwütige, die Pleite lacht ihr häßliches Lachen, und für die Protagonisten der Club-Szene wird es Zeit, sich eine Marktlücke zu suchen, die ihnen ihr institutionelles Überleben sichert. Dr. Motte hat die Love Parade, WestBam sein Merve-Buch, die Medien/Clubkultur-Künstler das Museum.
Na und? Ist doch normal. Daß Pflumms Video-Loops mit den rotierenden Firmenlogos an einer Museumswand nur noch wie akademische Fingerübung aussehen, wenn sie aus ihrem Club-Umfeld entfernt worden sind - naja, shit happens. Wahrscheinlich wird ein entnervter Museum-Wächter irgendwann auch noch den Sound runterdrehen, und dann ist das halt nur noch Ambient-Kunst - ein Stück audiovisueller Raumgestaltung.
"Um diese Kost für die Kunst verdaulich zu machen, muß noch einiges passieren, aber natürlich nicht nur bei Daniel Pflumm, sondern bei den Institutionen", heißt es im "ars viva"-Katalog. Die Institutionen haben schneller reagiert, als man sich das so vorgestellt hat, und es wird nicht mehr lange dauern, bis diese Videoinstallationen in den Sammlungen städtischer Kunstmuseen auftauchen werden. Immerhin: Prophetisch warnt der Katalogtext auch: "Jetzt, wo die Videos von Pflumm wirkliche ihre Rundreise im Museum beginnen, habe ich etwas Sorge, es könnte zuviel Kunst werden und zuwenig Leben dabei sein." Wohl wahr, möchte man da seufzen - und das gilt nicht nur für die Arbeiten von Pflumm, die bei der "ars viva" zu besichtigen sind.
Eva Grubingers fast lebensgroße Schnittmuster- Figurinen sind mit dem Computer entworfen und deswegen auch irgendwie Medienkunst. Die Fotos von der Web-Designerin Heidi Specker sind mit dem Computerprogramm Photoshop bearbeitet, und deswegen auch irgendwie Medienkunst, siehe oben. Die Videoinstallationen von Heike Baranowsky und Wawrzyniec Tokarski sind eben Videoinstallationen, und deswegen sowieso Medienkunst. Warum alles zusammen wie ein Hain der Harmlosigkeit aussieht - naja, muß eben Medienkunst sein. Und ist im ZKM auch nicht anders.
Daran ewig rumzunörgeln, ist doch auch uncool. Typisch taz halt. Fehlt bloß noch, daß darauf herumgeritten, daß BDI-Vorsitzender Hans-Olaf Henkel, dessen Verein für diese Ausstellung verantwortlich ist, die Eliminierung von Flächentarifverträgen in Ostdeutschland für vorbildlich erklärt hat. Also, ewig dieses Politgenöhle, die sind doch auch immer nur dagegen.
Es gibt nicht mehr viel rebellisches Potential im schlauen Techno-Spiel mit der Semiotik der Warenästhetik. Man kann nicht mehr so richtig dagegen sein, weil sie so omnipräsent geworden ist und niemand mehr eine ernstzunehmende Alternative dazu einfallen will. Daß Kunst sich noch so radikal gebärden kann und doch immer wieder vom Kunstbetrieb vereinnahmt wird, ist am Ende des 20. Jahrhunderts nach hundert Jahren Moderne - samt postmodernem Nachspiel - auch gelernt. Also warum nicht seine Arbeiten, die für einen Club gemacht waren, ins Museum hängen? Da sehen sie zwar doof aus, tun aber andererseits auch niemand weh - außer dem Museumspersonal in den Ohren. Und irgendjemand sagt, daß das ja auch den Unterschied zwischen High Art und Low Culture unterminieren würde.
Man kann noch nicht mal mehr kritisieren, daß diese Leute vom BDI verheizt werden. Es ist wohl eher eine Art von unausgesprochenem, gegenseitigen Einverständnis: wir machen unser Club-Ding, ihr hängt das ins Museum. Aber bitte, schickt nicht zu viele grau- und langhaarige Trenchcoats zu uns in den Club. An der Museumskasse gibt es dafür ein Club-T-Shirt. Als Multiple.
"ars viva" ist übrigens die erste Medienkunstausstellung seit Jahren,die keine eigene URL im Internet hat.
ars viva, bis zum 13. April im Hamburger Bahnhof in Berlin, Katalog: 30 Mark