Mit viel Glanz und Gloria betrat dieses Jahr eine neue Veranstaltung die Bühne des digitalen Kunstgeschehens, die "Ars Digitalis" in Berlin. Ähnlich wie die etwas traditionsreichere Schwester in Linz "Ars Electronica" versuchte man den Doppelschlag "Veranstaltung plus Wettbewerb". Was dabei heraus kam, sezierte Tilman Baumgaertel

Bei der Eröffnung der Ars Digitalis blickten die Besucher ins virtuelle Nichts.

Wenigstens war es nicht kalt. Und so mußten die etwa 100 Besucher nicht auch noch frieren, die sich am Mittwochabend dem 16. Oktober gegen 20 Uhr an der Tauentziehnstrasse, Ecke Nürnberger Strasse, in Berlin-Charlottenburg zur Eröffnungsveranstaltung der Ars Digitalis eingefunden hatten.

Denn zu sehen gab es an diesem Abend so gut wie nichts. Einige Techniker bastelten auf einem Podest an einem Videobeamer herum. Ab und zu dröhnten ein paar Musikfetzen aus einer Verstärkeranlage über den Feierabendverkehr auf der stark befahrenen Kreuzung, und ein Notstromaggregat summte sein einsames Lied dazu. Von den digitalen Kunstwerken des Wettbewerbs "Ars Digitalis", die an die gläserne Fassade des Kaufhauses Peek & Cloppenburg projeziert werden sollten, war auch nach längeren Umbaupausen nur schemenhaftes Geflacker zu erkennen.

Es kracht, es zischt, zu sehen ist nüscht, aber dafür wird die ganze Geschichte im Internet übertragen. Die ersten Besucher waren schon wieder gegangen, als auf den Kaufhausfenstern einige nebelhafte Formen aufschienen. Die verbliebenen Zuschauer begannen zu rätseln, ob es sich bei den unscharfen Bildern um Herbstlaub, Wasserspiele oder digitale Effekte handeln mochte. Nur das Logo des Sponsors Vebacom, ein lächelndes "Emoticon", war zwischen den kurzen Clips deutlich auf einer Säule zu erkennen.

Als nach drei Beiträgen immer noch kein Unterschied zwischen dem weißen Rauschen an der Kaufhauswand und einem handelsüblichen Techno-Video auszumachen war, leerte sich die Kreuzung allmählich, und der Bürgersteig gehörte wieder den vorbeieilenden Passanten, die von dem Gewaber über ihren Köpfen kaum Notiz nahmen. Eindrucksvoller hätte man wohl kaum demonstrieren können, wie das Visuelle im Digitalen verschwindet.

Leider war das genau das Gegenteil von dem, was die Veranstaltung eigentlich zeigen sollte. Denn das ereignislose Event eröffnete eine Veranstaltung der Berliner Hochschule der Kunste (HdK), bei der es um die Möglichkeiten der neuen, digitalen Bilder aus dem Computer gehen soll - nicht um ihr Entschwinden. Bei einem Wettbewerb der HdK gingen in den letzten Monaten über 200 Einsendungen mit Videoaufnahmen von digitaler Kunst ein, die nach den Projektionen auch im Foyer der Kunsthochschule gezeigt wurden - freilich auch nur als Videoprojektion.

Doch durch die Projektion der digitalen Arbeiten wird ihnen genau die Eigenschaft genommen, die Computerkunst interessant machen konnte: ihre Interaktivität. Die Veranstalter der "Ars Digitalis" scheinen das Medium, um das es bei ihrem Projekt ging, überhaupt nicht verstanden zu haben. Statt den Betrachter zum User zu machen, degradierte "Ars Digitalis" ihn wieder (wie im Kino) zum passiven Konsument - blos daß es im Kino gewöhnlich etwas zu sehen gibt.

Schon nach wenigen Tagen distanzierte sich sogar der Asta der HdK wegen ihrer unbedarften Machart und dilletantischen Organisation von der "Ars Digitalis" - eine schwere Niederlage fur Projektleiter Jeannot Simmen, der seit einem Jahr an der Vorbereitung der "Ars Digitalis" arbeitete. Die Ablehnung, auf die das Projekt bei Studenten und in der Presse stieß, dürfte auch den Sponsor Vebacom enttäuschen, der 40 Prozent des 300.000- Marks-Etats übernommen hat und damit wohl gleich ein bißchen Talentscouting für seine digitalen Telekommunikationsprojekte betreiben wollte.

Dabei hatten sich die Organisatoren alle Mühe gegeben, ihre digitale Leistungsshow recht Geldgeber-freundlich zu gestalten:Ganzseitige Anzeigen warben z.B. im Jugendmagazin "Jetzt" der Sueddeutschen Zeitung, außer auf das Kaufhaus Peek & Cloppenburg wurden die Wettbewerbsbeitrage auch auf die "Info-Box" am Potsdamer Platz und auf das Gebäude der Bankgesellschaft Berlin (!!!) Kunst projiziert.

Fast scheint es, als wolle man beweisen, daß Computerkunst nicht für den öffentlichen Raum, sondern lediglich als dekoratives Element fur den Wirtschaftsraum Innenstadt gedacht ist. Und darum ist es eigentlich ganz in Ordnung, daß die digitalen Bilder der Ars Digitalis im "virtuellen Nichts" einer Glasfassade verschwunden sind.