Das Netz vergisst doch

Von Tilman Baumgärtel

1844 erwarb der Berliner Ökonom Adolf Kiepert das Rittergut Marienfelde, baute das Gutshaus im klassizistischen Stil um und machte aus dem Gutspark eine gartenbaulichen Musterbetrieb. Weil der Bruder des bekannten Kartographen Heinrich Kiepert erst Landtags-, später Reichstagsabgeordneter wurde und weil er 1885 die Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft (DLG) gründete, die es bis heute gibt, hat er einen Wikipedia-Eintrag, in dem auch seine Rolle bei der Entwicklung des Berliner Stadtteils Marienfelde hervorgehoben wird. Sein Gutshaus war ein Treffpunkt von Künstlern, Schriftstellern und Wissenschaftlern.

Ursula Neumann hat an das Gutshaus Marienfelde ganz anders in Erinnerung: In ihrer Kindheit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg bekam sie dort die „Schwedenspeisung“, ausgegeben von schwedischen Rotkreuz-Schwestern: eine warme Suppe, ein Löffel Lebertran und eine Scheibe Knäckebrot mit dickem gelben Käse. Frau Neumann hat zwar keinen Wikipedia-Eintrag, aber dafür lebhafte Erinnerungen an die Nachkriegszeit. Im Kiepertschen Gutshaus gab es auch die Lebensmittelkarten. Im Kloster zum Guten Hirten verdienten sich die Schwestern ihr Geld mit Wäschwaschen. Neumann brachte einmal pro Woche die Familiengarderobe mit dem Handwagen dort hin; im Winter gab es eine Tasse Kakao.

Sie war auch dabei, als der Berliner Bürgermeister Reuter 1952 den Grundstein für das Notaufnahmelager Marienfelde legte und als der amerikanische Vizepräsident L. B. Johnson 1961 das Lager besuchte. Ihre Klassenlehrerin war gewalttätig und wischte ihr öfter mit dem Schwamm durchs Gesicht, bis ihr Vater sich bei der Schulleitung beschwerte. „Es waren alles keine Weltereignisse, die ich zu erzählen hatte, aber ich denke mir, oft sind es die Kleinigkeiten, die das Leben bunt und interessant machen“, findet Neumann.

All das erfährt man aus ihren handschriftlichen Notizen, die auf der Website mein-marienfelde.de veröffentlicht worden sind. Die wird seit über einem Jahrzehnt von dem ehemaligen Lehrer Godwin T. Petermann betrieben. Man findet dort auch ausführliche Informationen über den Architekten Bruno Möhring, von dem zahlreiche Jugendstilvillen in Marienfelde stammen. Über 2000 historische Fotos aus der Sammlung des Lokalhistorikers Hans-Werner Fabarius, die in einer professionellen Datenbank durchsucht werden können. Informationen über den Film „Wenn die Abendglocken läuten“, der 1951 in Marienfelde gedreht wurde. Und unzählige weitere Dokumente, Broschüren und Buchkapitel über den Stadtteil am Berliner Stadtrand. Wer sich für Marienfelde interessiert, kann mit dieser Website Stunden verbringen.

mein-marienfelde.de ist nur ein Beispiel für Tausende von Website zur Heimatgeschichte, die von Amateuren mit viel Einsatz und Detailfreude betrieben werden und die Geschichte und Geschichten aus der Perspektive von einfachen Leuten erzählen, die zwar keinen Wikipedia-Eintrag haben, deren Erinnerungen aber doch Teil einer großen historischen Erzählung sind. So lange es sie noch gibt.

Denn bisher sind sie alle vom Verschwinden bedroht, wenn ihre Betreiber aufgeben oder auch einfach nicht mehr die Gebühren für das Webhosting bezahlen können. Dann würden mit ihnen auch die Informationen, Bilder und eingescannte Dokumente verschwinden, die von ihren Machern in oft jahrzehntelanger ehrenamtlicher Arbeit zusammengetragen wurden. Denn bisher gibt es in Deutschland kein Archiv, der diese historischen Quellen im Internet systematisch aufbewahrt.

Wenigstens mein-marienfelde.de wird allerdings bis auf weiteres erhalten bleiben. Denn diese Website gehört zu den ersten vierzig Online-Angeboten, die von der Zentral- und

Landesbibliothek Berlin (ZLB) dauerhaft aufbewahrt werden. Im neu eingerichteten Webarchiv der ZLB (https://digital.zlb.de/viewer/webarchiv/) findet sie sich zusammen mit den Online-Angeboten des Zirkus Caabuwazi, der Club Commission, der Berliner Geschichtswerkstatt oder dem Kunstfestival 48 Stunden Neukölln.

Denn seit XXXX sind in Deutschland eigentlich alle Anbieter von digitalen Inhalten gesetzlich dazu verpflichtet, ein Pflichtexemplar ihrer Angebote der Landesbibliothek ihres jeweiligen Bundeslandes anzubieten so wie es für gedruckte Bücher schon seit Jahrzehnten vorgeschrieben ist. Gegenwärtig arbeiten daher alle Bundesländer daran, diese gesetzliche Vorgabe umzusetzen – mit unterschiedlichem Erfolg. In Rheinland-Pfalz hat das Landesbibliothekszentrum schon vor zwanzig Jahren damit begonnen, lokale Websites zu sammeln. In anderen Bundesländern wie zum Beispiel XXX ist man noch mit der Vorbereitung beschäftigt. Wie man die Inhalte der sozialen Medien von YouTube über Facebook bis TikTok aufbewahren soll, ist bisher noch vollkommen unklar – zumal diese Unternehmen selbst bei der Langzeitarchivierung ihrer Inhalte nicht kooperieren.

Doch allein die Archivierung von Websites ist technisch und organisatorisch keine triviale Aufgabe: Internet-Technologien ändern sich schnell, und das Webdesign von vor fünf Jahren ist mit dem neusten Browser vielleicht schon gar nicht mehr darstellbar. Websites sind auch dynamische Medien, die dauern umgebaut und aktualisiert werden. Und es gibt komplizierte Copyright-Probleme, denn oft wurden auf Websites von Amateuren Bilder und Gestaltungselemente verwendet, für welche die Macher gar nicht das Urheberrecht haben. Viele Links führen nur noch ins Nirgendwo. Und viele wichtige Internetangebote sind auch schon lange wieder aus dem Netz verschwunden.

In Berlin hat es laut der Website kiezblogs.de – die inzwischen selbst nicht mehr online ist – 2015 rund 150 lokale Blogs geben. Heute sind die meisten davon verschwunden. Das Internet vergisst nicht? Weit gefehlt! Viel von dem kleinteilige dokumentarische Gewebe, das Lokaljournalismus von Amateuren im Web einmal gesponnen hat, ist lange im digitalen Nirvana verschwunden: Berichte von Bürgerversammlungen, Porträts inzwischen geschlossener Kneipen, Fotos von Kiezfesten, Protokolle jahrelanger Auseinandersetzungen um Stadtentwicklung. Wer die Geschichte der Berliner Blogosphäre zwischen 2005 und 2015 rekonstruieren will, stößt schon jetzt auf Lücken, die sich nicht mehr schließen lassen.

Die amerikanische Initiative Archive.org, die regelmäßig Snapshots von Websites anlegt, ist zwar eine phantastische Ressource. Aber als spendenfinanzierte NGO ist sie selbst latent vom Verschwinden bedroht – besonders seit Hacker begonnen haben, die Websammlung anzugreifen. Und hier werden auch immer nur Teile von kompletten Websites aufbewahrt.

Das ist bei der Sammlung der ZLB anders: die Netzarchivarinnen Almut Pape und Leonie Rodrian haben seit 2023 in Zusammenarbeit mit den Stadtteilbibliothek Berlins zunächst einmal 40 Websites ausgesucht, von denen nun dauerhaft jährlich komplette Kopien ins Archiv genommen werden. Die kann man sich nun auch online ansehen, und sie sind im Katalog der ZLB verzeichnet. Dass diese Auswahl ist nur „ein winziger Bruchteil der digitalen Alltagskultur“ sind, räumt Almut Pape ein. Trotzdem ist ihre Sammlung ein echter Paradigmenwechsel, nachdem deutsche Bibliotheken bei der Archivierung von Websites weggesehen haben.

Doch nun fehlen der ZLB fehlen wegen Kürzungen rund 2,2 Millionen Euro im Jahresbudget, ausgerechnet jetzt, wo das Archiv seine Arbeit erst richtig aufnimmt. Darum bietet die ZLB auch regelmäßig Workshops an, bei der jeder aspirierende Webarchivar lernen kann, wie er mit dem Programm Webrecorder selbst ein eigenes Webseiten-Archiv anlegen kann. Und damit dabei mithilft, die digitalen „Kleinigkeiten, die das Leben bunt und interessant machen“ zu erhalten.

Am 25. und 26. Juni findet in der Amerika-Gedenkbibliothek ein Workshop zur Webarchivierung statt. Anmeldungen bitte per Mail an: landesbibliotek-digital@zlb.de