NETZWERK / UPGRADE
Der Erziehungsberechtigte will im Urlaub vor allem seine Ruhe: Bitte keine Mails, keine Anrufe, keine Nachrichten, schon gar keine, die mit der Arbeit zu tun haben. Die Teenagerin hingegen will auch im Urlaub am besten nonstop mit allen Lieben im Kontakt bleiben und würde sich idealerweise nur von einem Gratis-Wifi-Netz zum nächsten weiterbewegen. Man muss einfach in Echtzeit wissen, wer einen neuen Haarschnitt hat, wer gerade Pizza isst und was auf derselben drauf ist. Und das erfährt man im Minutentakt dank der Stories, die offenbar die gesamte Erdbevölkerung unter 20 ununterbrochen bei WhatsApp und Snapchat veröffentlicht.
Es ist ein paar Tage her, als ich im ICE zur Oma schließlich herausfand, woher die außerordentlich detaillierten Kenntnisse über die Aufenthaltsorte von Klassenkameraden rühren: Man verdankt sie einer ziemlich neuen Funktion bei Snapchat, die wie ein Gemeinschaftsprojekt von Erich Mielke und dem "Großen Bruder" aus George Orwells Roman "1984" wirkt: Auf der "Snap Map" der Smartphone-App kann man den Standort aller angemeldeten Bekannten sehen - und zwar auf ein paar Meter genau.
Jedesmal, wenn ein Nutzer die Snapchat-App öffnet, wird der Standort automatisch aktualisiert. Dieser ist auf der Snap-Map-Karte für alle Snapchat-Freunde einsehbar: Der Nutzer erscheint als Bitmoji-Figürchen auf einer Weltkarte; die Darstellung ist so detailliert, dass man in der Regel die Hausnummer des Gebäudes erraten kann, in dem sich der Nutzer gerade aufhält. So stellt man sich den Traum aller Stalker vor. Wie bei derartigen Angeboten üblich, war die Snap Map nach einem Update des Programms plötzlich einfach da, und wird seither fleißig genutzt. So wussten wir, an welchem Strand in Brasilien sich T. sonnte und in welchem Haus in Istanbul E. Eis aß.
Im Grunde ist es von dankenswerter Ehrlichkeit, dass Snapchat nun alle seine Nutzer an diesen privatesten Informationen teilhaben lässt, über die das Unternehmen schon lange verfügt. Allerdings war die Firma einmal mit dem Konzept angetreten, verschickte Bilder ganz schnell für immer verschwinden zu lassen - was auch der Privatsphäre der Nutzer zugute kam. Dieses Anliegen spielt für das Unternehmen, dessen Wert seit seinem Börsengang rapide gesunken ist, heute offenbar keine Rolle mehr. Inzwischen verkauft Snapchat ja auch Brillen mit eingebauter Kamera ähnlich denen, die 2015 für Google zum PR-Desaster wurden.
Tilman
Baumgärtel
ist Professor für
Medienwissenschaft in
Mainz.