Tilman Baumgärtel: Frau O' Murchú, Sie sind die neue Kuratorin der Transmediale, die 2021 zum ersten Mal unter ihrer Regie stattfindet. Was wird sich an dem Festival ändern?
Nora O Murchú: Es wird ein Festival geben, aber es wird eine andere Art von Festival sein. 2021 wird es ein ausgedehntes Festival geben, das sich über das gesamte Jahr entfaltet. Es beginnt im Januar und hat das Thema „Refusal“ (Verweigerung). Wir werden dieses Thema das ganze Jahr über in verschiedene Formate, sowohl online als auch mit Veranstaltungen im physischen Raum, untersuchen. Das wird sich bis zum Festival im Jahr 2022 fortsetzen. Es ist also das erste Mal, dass wir zwei Ausgaben des Festivals in dieser Form miteinander verbinden.
Wir fangen im Januar mit einer Ausstellung an, und dann werden wir auch eine neue Internet-Plattform starten, die „Online-Almanac“ heißt und die wir als einen digitalen Ort betrachten, der Raum für viele verschiedene Formate und Stimmen hat. Und wir werden zum ersten Mal eine Sommerschule machen. Das Festival wird nicht nur zu verschiedenen Zeiten stattfinden, es wird auch über die ganze Stadt verteilt sein. Dabei nutzen wir auch die Tatsache, dass wir jetzt zum ersten Mal einen Raum im Silent Green im Wedding haben. Wegen der Pandemie ist es eine seltsame Zeit, um einen öffentlichen Raum zu bespielen. Aber wir hoffen, dass wir in der Lage sein werden, hier viele Menschen einzubeziehen, wenn im Sommer das Wetter besser ist.
Sie sind seit März 2020 im Amt, haben also vor dem Ausbruch von Corona mit der Arbeit begonnen. Wollten Sie das Festival von Anfang an in dieser Form durchführen? Oder sind diese Pläne eine Reaktion auf Covid 19 und die Einschränkungen, die der Virus für Kulturschaffende bedeutet?
Es ist eine Kombination aus beidem. Die Pandemie hat gezeigt, dass sich das Wesen von Kulturarbeit ändern muss. Schon als ich im März 2019 zum ersten Mal mit dem Team gesprochen habe, kam das Thema von „Care“ (Fürsorge) auf. Schon damals brachte ich ein ganzheitlicheres Verständnis von kuratorische Arbeit in die Diskussion ein. „Care“ ist für mich nicht nur ein Thema unseres Programms, sondern sollte auch unsere Zusammenarbeit mit Künstler, Produzenten und Administratoren prägen. Ganz klar hat die Pandemie dieses Thema noch bedeutsamer gemacht. Jetzt reagieren wir einerseits auf die Pandemie, aber was noch wichtiger ist: Wir reagieren auf unsere Bedenken in Bezug auf unserer eigenen Arbeit und der Art und Weise, wie sie bisher stattfand. Was bedeutet das konkret für das Festival?
Die Gleichbehandlung innerhalb des Kunstwelt ist sehr in den Vordergrund gerückt. Damit meine ich nicht nur die Transmediale, das ist größeres Thema. Vor allem während des Lock-Downs hat sich wirklich gezeigt, dass es eine enorme Unausgewogenheit in Bezug darauf gibt, wer mitmachen kann und wer nicht, wer zu Wort kommt und wem sich diese Möglichkeit nicht bietet. Wir haben gesehen, wie eine prekäre Existenzform zum Burnout führen kann. Darum versuchen wir, neue Strukturen zu schaffen, die Künstler in verschiedenen Stadien ihrer Entwicklung unterstützen. Wenn sie zum Beispiel ein Kunstwerk produzieren und es als Text oder als Hörstück verbreiten wollen, dann gibt es bei unserem neuen „Online-Almanac“ verschiedene neue Formate, die das ermöglichen.
Wir werden das Festival auch herunter bremsen. Wir lassen das Publikum auf unterschiedliche Weise teilhaben. Und wir werden neben dem Thema der Ungleichheit auch das Klima und die Nachhaltigkeit berücksichtigen. Meiner Meinung nach hat die Pandemie gezeigt, dass wir diese Dinge nicht mehr ignorieren können. Sie hat uns einen Anlass für ein generelles Überdenken geliefert. Die nächste Transmediale wird ein Experiment, bei dem wir sehr sorgfältig über diese Dinge nachdenken und versuchen werden, sie so anzugehen, wie wir es können.
Was genau wird das Festival ersetzen, das früher Ende Januar oder Anfang Februar direkt vor der Berlinale stattfand? Im Januar eröffnen wir eine Ausstellung, die sich auf drei Räume in der Stadt verteilen wird: das Bethanien am Mariannenplatz und unserem Atelier hier im Silent Green, mit einer weiteren Institution sind wir noch in Verhandlungen. Die Konferenz, die normalerweise zu dieser Zeit stattfindet, verlegen wir in den Sommer, weil wir dann trotz etwaiger Coronabeschränkungen ein größere Publikum dabei haben können. Corona hat also Auswirkungen auf das Festival, aber es eröffnet auch neue Möglichkeiten. Wir werden einige Arbeiten in Auftrag geben und Künstlerresidenzen einrichten. Außerdem wird es ein Freiluftkino geben. All das befindet sich derzeit in Planung.
Das Thema, das all diese verschiedenen Aktivitäten und Veranstaltungen verbindet, ist „Refusal“, also „Verweigerung“ oder „Ablehnung“: Warum haben Sie dieses Thema gewählt und was ist gerade in dieser Zeit seine besondere Bedeutung?
Wir wollen über die Möglichkeiten zu sprechen, die sich aus der Verweigerung ergeben: der Ablehnung des Alltäglichen, der Ablehnung des Staats, der Ablehnung des Systems. Aber für mich ist „Refusal“ nicht so sehr das klare Nein, sondern vielmehr eine Frage der Möglichkeiten, die sich aus dieser Verweigerungshaltung ergeben. Es geht nicht darum, sich zurückzuziehen, sondern vielmehr um den Aufbau von etwas Anderem. Wir wollen uns anschauen, was außerhalb des Status quo liegt und welche neuen Haltungen und Vorstellungen sich aus diesem „Refusal“ ergeben können. Wir wollen über das nachdenken, was nicht vorgesehen ist, und wie daraus neue Infrastrukturen und Beziehungen entstehen können.
Im Augenblick kann man den Eindruck gewinnen, dass ein Teil der Gesellschaft – nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt – sich aus einer gemeinsam geteilten Weltvorstellung verabschiedet und sich „alternative Wahrheiten“ und eigene Realitätswahrnehmungen entwickeln, die zu beunruhigenden Formen von „Refusal“ führen...
Es gibt diese aggressive Art der Verweigerung, und das ist definitiv ein Thema der Konferenz. Wir werden davor nicht zurückschrecken. Aber wir versuchen auch, auf die zukunftsorientierten, hoffnungsvolleren Arten von Verweigerung einzugehen.
In Ihren Texten ist das Konzept des Hacking ein wichtiges Thema. Ist Hacking für Sie so eine Art von Verweigerung, bei der es darum geht, eigene Alternativen aufzubauen?
Ja, ganz sicher. Ich habe eigentlich Informatik studiert und bin von der Informatik zu meiner kuratorischen Praxis gekommen. Ich habe Informatik studiert, weil ich mich damals sehr für Computerspiele interessiert habe, und das tue ich auch immer noch. Darum wollte ich lernen, wie man sie herstellt. Zu der Zeit gab es in Irland noch keine Studiengänge in Computerspielentwicklung. Nachdem ich meinen Bachelor gemacht hatte, habe ich drei Jahre als Programmiererin (engineer?) gearbeitet hatte. Dann ging ich zurück an die Universität, um meinen Master in Interaktionsdesign zu machen. Da ging es dann eher um das das Frontend technischer Systeme.
Und bis zu dieser Zeit hatten Sie keinen Bezug zur Medienkunst?
Nein. Ich habe zwei Jahre Modedesign studiert, aber das war nicht das Richtige. Darum machte ich dann meinen Master in Interaktionsdesign. Zu dieser Zeit habe ich angefangen, mich für Medienkunst zu interessieren, und darum habe ich 2007 auch zum ersten Mal die Transmediale besucht, als sie noch in der Akademie der Künste war. Das war wirklich sehr inspirierend.
Als Teil meiner Doktorarbeit habe ich dann das Festival XXXX rund um Open-Source-Kultur, Hacking und DIY organisiert. Das war also ein wichtiger Ausgangspunkt für meine Entwicklung als Kuratorin und Forscherin, und das ist es auch immer geblieben, weil diese Praktiken Alternativen und neue Möglichkeiten zum bestehenden Status Quo aufzeigen.
Bei dem Festival hatte ich viel Unterstützung von meiner Universität und von der Kunsthochschule in XXX XXX. Es gab viele Leute, die mir geholfen haben, dieses Festival auf die Beine zu stellen. Da gab es Workshops, Vorträge, Konferenzen, Partys, Ausstellungen. Es gibt eine große Elektronikszene in Irland, und darum haben wir auch eine Menge Klangkünstler eingeladen. So wurde ich zur Kuratorin. Ich habe danach auch für Festivals in Spanien und in Belgrad gearbeitet und unter anderem Ausstellungen und Veranstaltungen für Akademie Schloss Solitude, LABoral Centro de Arte y Creación Industrial in XXX und The Science Gallery in XXX gemacht. Zuletzt erschien die Transmediale oft eher wie eine akademische Konferenz als wie ein Medienkunstfestival. Es gab viele Vorträge und Diskussionen, aber oft sehr wenig Kunst. Wie wird Ihr Ansatz sein?
Für mich ist es wichtig, diesen kritischen Ansatz zu haben, und ich denke, das ist ein wirklich wichtiger Teil dessen, was die Transmediale ausmacht. Diese akademische Seite ist für mich immer noch bedeutsam, aber ich habe eine andere Art, damit umzugehen. Ich habe ein Festival geerbt, das einen tollen Ruf hat und das dieses wirklich lange Tradition von Experimenten und kritischem Denken hat. Jetzt ist es an mir, das Festival weiter wachsen zu lassen und weiter zu experimentieren. Ich bin sehr froh, dass mir das Festival in so einem guten Zustand übergeben wurde. Jetzt arbeite ich bei der Transmediale mit einem sehr kompetenten Team zusammen, das über jahrelange Erfahrung verfügt.
Ich glaube, dass man kritisch sein kann, ohne dass es so akademisch zugeht, wie es in der Vergangenheit oft der Fall war. Und das sage ich als Hochschullehrer.
Ich bin auch Akademikerin, aber ich habe einen anderen Ansatz. Ich hoffe, das Festival wird unter meiner Leitung auch unterhaltsam. Für mich ist es wichtig, dass wir kritisch bleiben, dass das künstlerische Experiment möglich ist und dass es die Möglichkeit gibt, die Grenzen und die Starrheit der Disziplinen zu überwinden.
Bei der Transmediale sind immer wieder Künstler an die Öffentlichkeit getreten, die später Karrieren im Kunstbetrieb gemacht haben. Für die Transmediale waren sie damit meist verloren. Wie wollen Sie damit umgehen und was ist Ihre Haltung zum Kunstmarkt?
Ich glaube, dass die Transmediale ist eine wirklich fabelhafte Plattform ist, um Künstlern Aufmerksamkeit zu verschaffen. Sie ist sehr wichtig im Hinblick auf die Förderung junger Künstler, und das ist etwas, das wir sehr ernst nehmen. Allerdings arbeite ich nicht im Bereich der Kunstwelt. Ich war bisher eine Akademikerin, und aus dieser Tätigkeit ergaben sich meine Ausstellungen. Keine meiner Ausstellungen stand jemals im Kontext der Kunstwelt. Ich habe keine kommerzielle Praxis.
Bio Nora O Murchú
Nora O Murchú ist die neue Kuratorin des Berliner Medienkunstfestivals Transmediale. Die Irin hat Informatik und Interaktionsdesign studiert und als Teil ihrer Doktorarbeit in XXX das Festival XXX organisiert, das sie drei Jahre leitete. Seither hat sie Ausstellungen und Veranstaltungen für Akademie Schloss Solitude, das LABoral Centro de Arte y Creación Industrial, The Science Gallery und das ZKM Karlsruhe kuratiert. Von ihr gestaltete Ausstellungen waren unter anderem „Coded After Lovelace“ in der Whitebox Gallery in New York und „Land/Sea/Signal“ bei Rua Red in Dublin. Sie war wissenschaftliche Mitarbeiterin am Interaction Design Centre an der Universität Limerick, dem Interaction Research Studio an der Goldsmiths University und bei CRUMB an der Universität von Sunderland. Ihre Forschungsarbeiten über den Einfluss der Technologie auf das Kuratieren wurden in Anthologien veröffentlicht, die bei Goldsmiths Press, Taylor & Francis und Springer erschienen sind. Derzeit ist sie auch Dozentin in der Abteilung für Informatik und Informationssysteme an der Universität von Limerick in Irland.www.noraomurchu.com/