Von Tilman Baumgärtel
Wenn das Surfen im Internet eine eigene Kunstform sein sollte, gehört Aleksandra Domanoviæ zu ihren ausdauerndsten Vertretern. Auf 5313 Einträge hat es in sieben Jahren das Blog VVORK gebracht, das die Künstlerin (damals noch Grafikdesign-Studentin mit Videokunst-Ambitionen in Wien) zusammen mit drei Künstlerfreunden bis 2011 betrieb. So minimalistisch und wortkarg sich die Site auch gibt (gepostet wurden nur Bilder und Links ohne jeden weiteren Kommentar), so sehr ist sie doch Zeugnis eines fast manischen Durchpflügen des Netzes nach Material, das für die eigene Kunstpraxis relevant sein könnte. Wer das Blog (unter www.vvork.org) systematisch durcharbeiten möchte, sollte sich dafür ein paar Monate frei nehmen.
Aber, Moment mal... Ist es wirklich schon so weit gekommen, dass das Ausfiltern von Material aus dem Internet eine eigene Form der Arbeit geworden ist, also “VVORK”? Angesichts der enormen Informationsmassen, die im Internet akkumuliert worden sind, mag es einem oft so vorkommen. Domanoviæ, geboren 1981 in Novy Sad, gehört zur Generation der “Digital Natives”, die früh ein Verhältnis zu dem Überangebot von Information im Netz entwickeln mussten. Die Strategie, mit der die Kroatin dem “info glut” begegnet: künstlerische Arbeit vor allem mit gefundenen Bildern und Videos aus dem Netz. Das Blog war bei diesem Projekt eine Art öffentlich geführtes Skizzen- und Notizbuch.
In ihrer Videoarbeit “Anhedonia” (2007) illustrierte sie den Soundtrack von Woody Allens “Annie Hall” mit verpixelte Bildern aus dem Netz. Auch in “Turbo Sculpture” (2012) erzählt sie die Geschichte von Kunstwerken wie dem Bruce-Lee-Denkmal in Mostar ausschließlich mit Hilfe von Internet-Bildern. In “From me to .yu” (2013) rekonstruiert sie die Geschichte der Internet-Top-Level-Domain .yu, die durch das Auseinanderbrechen Jugoslawiens überflüssig wurde.
Zuletzt entstanden Arbeiten, die digitale Daten in den realen Raum übertrugen: mit dem 3D-Drucker erweckte sie aus einer Wireframe-Datei die “Belgrader Hand” zu neuem Leben – eine der ersten funktionierenden Roboter-Prothesen, welche nach dem Zweiten Weltkrieg in Jugoslawien entwickelt wurde. Mit solchen Arbeiten reüssiert Domanoviæ, die derzeit in Berlin lebt, in einer Kunstszene, die allmählich ihre lange gehegte Scheu vor digitaler Kunst ablegt.
In diesem Jahr hat sie ein Arbeitsstipendium des Berliner Senats bekommen und ist eine von drei Gewinnern des Ars-Viva-Preises des BDI, was im Herbst unter anderem zu Ausstellungsbeteiligungen im Neuen Berliner Kunstverein und der Hamburger Kunsthalle führen wird. Eine Einzelausstellung hat sie im Oktober im Hildesheimer Kunstverein.
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