Der Medienriese Bertelsmann steht kurz vor einer Entscheidung über die Zukunft des Gemeinschaftsunternehmens AOL Europe. "Wir haben eine Handlungsoption favorisiert und werden hierüber schnell entscheiden", sagt der Multimedia-Vorstand, Klaus Eierhoff. Nach seinen Worten kommen ein Verkauf, ein Börsengang oder auch die Fortsetzung der Partnerschaft in Frage. Einen Zwang zum Verkauf gebe es nicht, betonte er.

Bertelsmann und America Online (AOL) sind jeweils zur Hälfte an dem europäischen Onlinedienst beteiligt. Nach der Übernahme des US-Mediengiganten Time Warner durch AOL Inc. war vielfach über einen Rückzug von Bertelsmann aus dem europäischen Joint Venture spekuliert worden.

Time Warner ist einer der größten Konkurrenten von Bertelsmann. Vorstandschef Thomas Middelhoff hatte in der Folge der Übernahme gesagt, dass ein Onlinedienst nicht zu den Kerngeschäften von Bertelsmann gehöre. Zudem legte er seinen Posten im Vorstand der US-Firma nieder.

Bis zu 20 Milliarden Mark

Für den Ausstieg von Bertelsmann werden derzeit zwei Modelle diskutiert: entweder verkauft Bertelsmann seine 50 Prozent Anteile für rund 15 Milliarden Mark an seinen bisherigen Partner AOL Inc. in den USA. Oder AOL-Chef Steve Case, der angeblich mit Middelhoff befreundet ist, erhält 35 bis 40 Prozent. Die restlichen zehn bis 16 Prozent könnte Bertelsmann dann an die Börse geben. Diese Stufenlösung kostet etwas mehr Zeit, dürfte den Güterslohern aber nach Schätzung der "Süddeutschen Zeitung" bis zu 20 Milliarden Mark einbringen. Middelhoff hatte in den Aufbau von AOL Europe zwischen 400 und 500 Millionen Mark investiert.

Bertelsmann will mit seinen Internetbuchhändlern BOL und barnesandnoble.com auch nach dem Ausstieg bei AOL Europe weiterhin Geschäfte im Internet machen. Multimedia-Vorstand Eierhoff kündigte außerdem an, durch einen Internetauftritt das Geschäft mit den Buchclubs wieder anzukurbeln. Er räumte ein, dass der Konzern derzeit mit den Renditen der Clubs nicht zufrieden sei. Neben dem klassischen Versandhandel und den Clubcentern soll nun über das Internet ein dritter Vertriebskanal erschlossen werden. (tel., mit dpa)